Zur Einführung - Das Museumsdorf Cloppenburg als Beispiel

Karl-Heinz Ziessow

Museumsdorf Cloppenburg

Vorab
Unter dem Datum des 25. Januar 1944 verzeichnet das Tagebuch des Cloppenburger Museumsdirektors Heinrich Ottenjann: Der Schlachthof brachte einen alten zweirädrigen Wagen, dessen Sitz in Lederriemen aufgehängt ist. Er kommt aus Holland. H. Elerie-Cloppenburg schenkte ihn dem Mdf. Näheres darüber weiter unten!1 Es ist einer jener Sorte von Einträgen, die bei Provenienzforschern alle Antennen auf Empfang stellen: Eine Kutsche, weit außerhalb der geografischen Sammlungsregion, nämlich aus dem seit Mai 1940 besetzten Holland.

Transport Kutsche Heinrich Ottenjann notiert den Transport einer niederländischen Kutsche in das Museumsdorf.
(Archiv Museumsdorf Cloppenburg).

Überdies, wie die weitere Recherche zeigt, von einem in Cloppenburg in der Nachbarschaft von Heinrich Ottenjann lebenden Niederländer,2 dessen Tochter gelegentlich die Kasse im Museumsdorf beaufsichtigt, und der auch den Museumsdirektor schon mal in seinem Auto mitnimmt.3 Elerie, wohl ein NSDAP-Mitglied,4 kehrte vor Kriegsende noch rasch in sein Heimatland zurück und bekam deshalb, wie weitere Recherchen zeigen, noch in den sechziger Jahren Probleme mit seiner Nationalität vor niederländischen ebenso wie vor deutschen Gerichten.5 Ein idealer Verdachtsfall, wie es scheint, denn worum sonst, wenn nicht um Raubgut, sollte es sich wohl handeln, wenn aus den okkupierten Niederlanden noch so spät ein prominentes Objekt eingeführt wird, das keine erkennbare Verbindung mit den Sammlungsschwerpunkten des Museumsdorfes aufzuweisen hat? Aber die sorgfältige Bestandsrecherche zerstört alle in so mühsamer Spurensuche entwickelten Hoffnungen: die Karteikarte der Inventarnummer 4640 trägt den Vermerk verbrannt!, also haben wir es, auch ausweislich der eigens angefertigten Schadensliste, mit einem im April 1945 während der Rückzugsgefechte zusammen mit dem renommierten Quatmannshof verbrannten Objekt zu tun. Noch gravierender aber ist ein Dokument, das bei der Durchsicht des gesamten Museumsschriftwechsels der Zeit zwischen 1933 und 1945 auftaucht: ein Schreiben des Museumsdirektors aus dem März 1940, in dem dieser eine Ausfuhrgenehmigung für eine Kutsche beantragt, geschenkt von Elerie, der sich vielfältig um das Museumsdorf verdient gemacht hat. Kurzum: diese Kutsche wurde dem Museum noch vor dem deutschen Überfall auf die Niederlande übereeignet, und das Objekt blieb nach der deutschen Besetzung vermutlich im Ursprungsland hängen, kam dann nach vier Jahren in Cloppenburg an, wo es bald ein Opfer der Kriegsumstände wurde.

Ausfuhrantrag Kutsche Heinrich Ottenjann beantragt am 13. März 1940 die Ausfuhr einer Kutsche aus den Niederlanden.
(Archiv Museumsdorf Cloppenburg).

Diese kleine Geschichte mit all ihren Verzweigungen wird vielen in der Provenienzforschung tätigen Kolleginnen und Kollegen überaus vertraut vorkommen - sowohl im Hinblick auf die langen Wege, die man geht, wie im Hinblick auf das für das Museum letztlich angenehme “Scheitern” der Recherche. Vertraut aber auch im Hinblick auf den Rest an Zweifel, der bleibt: Warum gerade eine Kutsche aus Holland? Von wem wurde sie dort übernommen oder gekauft? Denn schließlich setzten die Abreisen, die Fluchtbewegungen angesichts der bedrohlichen Lage im Nachbarland Deutschland nicht erst mit dem Überfall auf Belgien und die Niederlande am 10. Mai 1940 ein. Und Usquert, die niederländische Heimat Eleries in der Provinz Groningen, sowie der Nachbarort Warffum mit der eigenen Synagoge, wiesen eine beachtliche Anzahl nicht unvermögender jüdischer Viehhändler und ihrer Familien auf, die 1942 alle in deutschen Vernichtungslagern ums Leben kamen.6

Die Konferenz
Das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste (DZK) weist auf seinen Webseiten für den Zeitraum von 2008 bis 2016 insgesamt 216 kurz- und langfristig geförderte Rechercheprojekte aus.7 Die Provenienzforschung (oder “Herkunftsforschung”, wie Uwe Schneede 2015 formulierte8), die einmal mit so spektakulären großen Sammlungen wie jenen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Hamburger Kunsthalle und der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen begann, bezieht nun auch Einrichtungen wie etwa das Deutsche Ledermuseum Offenbach (Förderung 2011-2014), die bienenkundliche Sammlung der Domäne Dahlem (Förderung 2014-2016) oder auch das Heimatmuseum Müllrose in der Mark Brandenburg (Förderung 2014-2017) in ihren Horizont ein. Zunehmend deutlich wurde und wird die Vielfalt der Aspekte, unter denen Sammlungen zu befragen sind - in Offenbach als Durchsicht eines umfangreichen, aus Schenkungen, Versteigerungen oder Ankäufen im Kunsthandel entstandenen Sammlungsbestandes, in Dahlem im Hinblick auf die Herkunft einer bienenkundlichen Sammlung aus dem Besitz des 1934 zwangspensionierten Ludwig Armbruster, oder in Müllrose wegen der Übernahme von Büchern und Karten aus dem Besitz des im Juli 1944 hingerichteten Grafen Lynar. Die Provenienzforschung ist damit auf überaus anregende Weise in den Niederungen der Ebene angekommen - so auch im Museumsdorf Cloppenburg. Dabei wird aber auch deutlich, wie sehr gerade alltags- und “volks”kulturell ausgerichtete museale Sammlungen aufgrund der ungeheuren Bandbreite ihres Zugriffs ein Niederschlag und eine Spiegelung der historischen Rahmenbedingungen - auch und vielleicht vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus - sind. Kaum ein Museum, kaum eine Sammlung, die diesem Wissen nicht eine neue Seite hinzugefügt, neue Fragen beantwortet oder auch nur aufgeworfen hätten. Provenienzforschung hat somit ihren ursprünglichen Antrieb, den der Restituierung enteigneter Güter, längst überschritten, hin zu einer Neuinterpretation historisch bedingter Sammlungssituationen, ihrer problematischen Aspekte, aber auch ihrer potenziellen Aussagekraft im Rahmen einer “praktische[n] Form des Erinnerns”9 für die Zeit des Nationalsozialismus.

Es ist daher ein besonderer Glücksfall, dass Peter van Mensch hier einmal einige Grundfragen unseres Verhältnisses zu Sammlungen diskutiert.10 Der Internationale Museumsverband, ICOM, organisiert seine fachliche Arbeit in dreißig internationalen Komitees. Man sollte meinen, dass das Komitee zum Thema “Sammlungen” eines der ersten gewesen wäre, das in diesem Rahmen entstand. Tatsächlich aber ist es eines der letzten gewesen, und es war Peter van Mensch, der Hochschullehrer der Amsterdamer Reinwardt Akademie, der dieses Komitee, COMCOL,11 vor etwa acht Jahren maßgeblich mit ins Leben gerufen hat. COMCOL hat seither vor allem im Hinblick auf die Neubewertung von Altbeständen, auf den Einfluss politischer Rahmenbedingungen auf die Sammlungsstruktur und die Nachhaltigkeit von Sammlungsstrategien viele, gerade auch für Überlegungen zur Provenienzforschung wichtige Fragen angesprochen.

Die Beiträge der Cloppenburger Konferenz sind dazu angetan, diese Vielfalt der Zugänge für eine sehr begrenzte Region, für den Nordwesten Deutschlands, zur Anschauung zu bringen. Sie beschreiben große und kleine Projekte, längst abgeschlossene ebenso wie bereits länger laufende oder gerade beginnende. Sie umfassen Vorhaben in kulturgeschichtlichen Museen ebenso wie solche in Bibliotheken oder völkerkundlichen Sammlungen. Sie bringen benachbarte Projekte aus zwei Bundesländern in Verbindung, und sie öffnen vielleicht auch den Blick über die nationalen Grenzen hinaus.

In der Alltagsarbeit und in gelegentlichen Arbeitskontakten wird offenbar, dass es sehr viele ähnliche Probleme, zu erschließende Quellen, historisch-politische Zusammenhänge und Netzwerke gibt, die zunächst einmal jeder für sich erschließt, deren Kenntnis aber für alle von gleichem Interesse ist. Die sehr kompakte Folge von Beiträgen kann daher keineswegs erschöpfende Einblicke in die Provenienzforschung im Nordwesten bieten, sehr wohl aber dazu dienen, Verbindungen und gemeinsame Fragestellungen herauszuarbeiten und damit so etwas wie einen regionalen Sammlungsdiskurs zu initiieren.

Das Museumsdorf in Cloppenburg - ein Beispiel
Fragestellungen der Provenienzforschung führen in kulturgeschichtlichen Museen sehr schnell über den engen Museumshorizont hinaus. Objekte, wie sie sich in den Museen identifizieren lassen, erweisen sich als winziger Teil eines breiten Stroms geraubter Güter, der das ganze Land erreichte. Götz Aly hat daraus die provokative These einer “Bestechung” der Deutschen durch diese Sachgutzufuhr gemacht,12 aber auch jenseits dieser verwegenen Behauptung drängt sich natürlich die Frage auf, wer auf welche Weise von dem Raubgut der Nationalsozialisten13 erreicht wurde. Auch hier steht das Museum in einem unauflöslichen Zusammenhang mit allen Geschehnissen und Vorgängen der nationalsozialistischen Zeit - und es ist in besonderer Weise aufgefordert und geeignet, Objekte in diesem Zusammenhang zu präsentieren und damit auf den historischen Kontext ihrer jeweiligen Herkunft zu verweisen.

Provenienzforschung vollzieht sich in Cloppenburg im institutionellen Kontext, wie auch der Titel des hier angesiedelten Projekts deutlich macht. Dies zum einen schon allein wegen des Zeitpunkts der Museumsgründung, die sich 1934 im Freistaat Oldenburg ereignete, dem ersten seit 1932 von Nationalsozialisten regierten Land des Deutschen Reiches. Es war eine - nach den Auskünften des ersten Direktors überraschende14 - Gründung. Sie verlieh den Sammlungsaktivitäten der frühen Protagonisten in Cloppenburg, die bereits 1922 ein “Heimatmuseum für das Oldenburger Münsterland” gegründet hatten, eine neue Qualität.15 Der Museumsgründer Heinrich Ottenjann sah das Gründerglück eingereiht in die vermeintlich goldenen Perspektiven bodenständiger Heimatpflege, wie sie in vergleichbarer Weise 1933 auch das Berliner Museum für Deutsche Volkskunde beflügelten. Dort fand sich der Museumsleiter Konrad Hahm - ein für Heinrich Ottenjann in der Aufbauzeit des Freilichtmuseums wichtiger Korrespondenzpartner - zu einem Eintritt in die NSDAP motiviert,16 ganz offenbar in der Hoffnung, die sich durch den Umzug in das Schloss Bellevue manifestierte, nun eine neue Epoche der Museumsentwicklung einleiten zu können. Museen, insbesondere jene, die sich auf ein vermeintliches “Volk” richteten, wurden damit zu mehr oder minder aktiven Instrumenten politischer Repräsentation. Christopher Galler hat eben diese Fragestellung am Beispiel von drei niedersächsischen Museen - dem Bomann-Museum in Celle, dem Historischen Museum in Hannover und dem Museumsdorf Cloppenburg - zum Gegenstand seiner Dissertation an der Universität Hannover gewählt.17 Auch für das Cloppenburger Museum bedeutet der politische Rückenwind in unserem Zusammenhang unter anderem, dass sich eine bislang heimatkundlich orientierte Sammlung im Sinne der klassischen Provizialmuseen des ausgehenden 19. Jahrhunderts nunmehr vor - noch weitgehend undefinierte - Anforderungen und Aufgaben gestellt sieht, die im Spannungsfeld zwischen regionaler Verankerung und reichsweiter Bedeutung liegen. Ob und inwieweit damit Einschnitte in der Cloppenburger Sammlungsentwicklung vorliegen, gehört somit zu den wichtigen Fragen des hier betriebenen Provenienzforschungsprojekts.

Richtfest Quatmannshof Heinrich Ottenjann (2. v. r.) mit Gauleiter und Reichsstatthalter Carl Röver (3. v. r.) beim Richtfest des Quatmannshofes im Museumsdorf Cloppenburg, 1935
(Archiv Museumsdorf Cloppenburg).

Während wir zunächst noch glaubten, ganz sicher sein zu können, dass der ganz überwiegende Teil der Museumsdorf-Sammlung verdachtsfrei bleiben könnte, weil sich die damalige Sammlungsabsicht auf bäuerliche Überlieferung richtete, hat die intensive Sichtung diese Sicherheit in mehrfacher Hinsicht zerstört. Zunächst und vor allem stellte sich heraus, das ein erheblicher Teil - über dreißig Prozent - der Objekte aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 aus Ankäufen, und daraus wiederum der größte Teil aus dem Antiquitätenhandel stammt. Es ist also nicht die Sammlungstätigkeit im regionalen Umfeld bei bekannten Adressaten in den ländlichen Gemeinden allein, die den von Christina Hemken18 in allen seinen Details untersuchten Objektbestand prägt, sondern es sind viele “noname”-Produkte vorgeblich bäuerlicher Herkunft, bei denen Heinrich Ottenjann auf die Provenienzinformation des Händlers vertrauen musste. Ein großer Teil der inzwischen in der Objektdatenbank des Museums einschlägig gekennzeichneten Objekte stammt aus diesen Einkäufen mit ihren zwangsläufig fragwürdigen Herkunftsangaben.

Und was bäuerlich aussieht, muss nicht auch bäuerlich sein. Die dreißiger Jahre sind auch das Ende einer Epoche, in der das deutsche Bürgertum sich intensiv und verherrlichend seiner ländlichen Vergangenheit zuwandte, und dies auch durch das Sammeln von - wirklich oder scheinbar - authentischen Zeugnissen dieses dörflichen Lebens dokumentierte. So passt denn auch ein “Koffer mit Rädern”, den das Inventarverzeichnis vom 14. Juli 1942 in der Fruchtscheune des Museums nennt, ganz in dieses Umfeld. Aber Heinrich Ottenjann verzeichnet hier, wie so oft, selbst in den Listen noch die Herkunft, und zwar mit “Landsberg-Oldenburg”, benennt also wohl jenen jüdischen Buch- und Antiquitätenhändler, der sein Geschäft 1937 an einen “arischen” Nachfolger verkaufen musste und dann Ende 1940 in Hamburg in auswegloser Lage Selbstmord beging.19 Allerdings ließ sich der Holzkoffer zusammen mit einigen Keramikobjekten schließlich von Verdachtsmomenten unrechtmäßiger Aneignung befreien, indem der Erwerb anhand der umfangreichen Aufzeichnungen des Museums auf das Jahr 1926 und damit in die Frühzeit der Ankäufe durch das 1922 gegründete Cloppenburger Heimatmuseum zu datieren war.20 Allerdings findet sich in späteren Jahren noch ein Herkunftseintrag im Eingangsbuch, der lautet von einem Oldenburger Antiquitätenhändler und sich aufgrund der vorher bestehenden Geschäftsbeziehungen vermutlich als letzter - aus politisch verständlichen Gründen anonymisierter - weiterer Hinweis auf Landsberg lesen lässt. Ein Objekterwerb allerdings in einer Zeit, in der Landsberg schon unter dem unmittelbaren Druck der Geschäftsaufgabe gestanden haben dürfte.

Unser Augenmerk muss sich also, wie auch dieses Beispiel zeigt, auf einen sehr breiten Horizont richten. Er beginnt mit einer ersten Periode der Museumsgeschichte beim Grundkonzept der Sammlung - ihrer Ausrichtung auf vorindustrielle, vornehmlich bäuerliche, Sachkultur im regionalen Zusammenhang - und reicht damit bis in die Mitte der zwanziger Jahre und den Sammlungsaufbau unter dem Gedanken der Heimatbewegung hinein.21 Nur so lässt sich ermessen, ob mit der Museumsgründung - unserer zweiten Phase - ein neues Sammlungsverhalten einsetzt. Nach einem kurzen Vorlauf der Unterstützung der Sammlungs- und Forschungsarbeit Heinrich Ottenjanns durch die nationalsozialistische Landesregierung brachte die unerwartete Unterstützung durch “Reichsstatthalter und Gauleiter Carl Röver” bei seinem Besuch in Cloppenburg am 3. Oktober 1933 mit dem politisch gewollten Aufbau eines für die damalige Zeit großen Freilichtmuseums nicht zuletzt auch ganz neue Anforderungen an die Sammlungsstrategie. Vorbei war es nun mit der vergleichsweise geruhsamen Inspektion der Fläche, dem Aufbau von Netzwerken in der Region, die für einen regelmäßigen Zustrom historisch, personal und lokal eindeutig identifizierbarer Objekte sorgten - jedenfalls als alleiniger Quelle für das Wachstum der Sammlung. Hinzu kam ferner eine ganz neue Gattung von Sammlungsobjekten - die Häuser, die zudem noch Ausdruck einer bestimmten regionalen Spezifik bodenständigen Bauens sein sollen. Diese Fokussierung auf “Bauernhofforschung” folgt nunmehr ganz eigenen Logiken, wie Michael Schimek zeigen kann.22

Diese Zeit des rapiden Aufbaus mit allen Kräften ist also die zweite Periode, der unsere Aufmerksamkeit gilt. Denn sie ist zugleich der Beginn möglicher politischer Beeinflussung der Museumstätigkeit, darin eingeschlossen der Ausrichtung der Sammlung. Und es ist auch der Beginn politisch motivierter Enteignungen und unrechtmäßigen Objektentzugs im regionalen Umfeld. Dies beginnt nicht erst mit der sogenannten Reichskristallnacht, und es richtet sich von Anfang an nicht ausschließlich gegen jüdische Mitbürger. So bleibt einem auch mit dem engen Fokus der Provenienzrecherche nicht verborgen, dass beispielsweise in den Akten zum Verkauf von “Hollandmöbeln” in der Wesermarsch auch die umfangreichen Enteignungen aufgeführt sind, die sich gleich nach Hitlers Machtantritt gegen linke Parteien, Gewerkschaften, Arbeitersportvereine und manche andere Vereinigungen und deren Geschäftsstellen richteten.23

Hof Hoffmann Der Hof Hoffmann im Museumsdorf Cloppenburg, 1944.
(Heinrich Ottenjann : Das Museumsdorf in Cloppenburg. Oldenburg 1944).

Auch wenn die “Großobjekte” des Museumsdorfes, die Häuser, die den Kern der Museumstätigkeit seit 1933 ausmachen, nicht zu den zentralen Rechercheobjekten der Provenienzforschung gehören, so werden sie doch im Sinne des politischen Kontexts im Fokus unserer Untersuchungen verbleiben. Dabei geht es kaum oder gar nicht um Probleme des unrechtmäßigen Erwerbs, wohl aber um so viel drängendere Fragen nach den Umständen der Übertragung ins Museumsdorf. Dies gilt in ganz offensichtlicher Weise vor allem für den sogenannten Hoffmannshof, der mit der finanziellen und politischen Unterstützung des berüchtigten Heinrich Boehmcker - Führer der SA-Gruppe “Nordsee” und seit 1937 Bremer Bürgermeister - aus der Gemeinde Goldenstedt übernommen werden konnte.24

Hans Böhmcker Der Beauftragte des Deutschen Reiches für die Stadt Amsterdam, Hans Böhmcker, bei der Eröffnung der Ausstellung “Das Deutsche Buch der Gegenwart” im Rijksmuseum Amsterdam am 3. Februar 1942 (v.l.n.r. Hans Böhmcker, der Generalsekretär des Kulturministeriums Jan van Dam, General Hans Siburg).
(Nationaal Archief Den Haag - Fotocollectie Elsevier/Wikipedia).

Solche Netzwerke sind für den Hintergrund der Aufbaugeschichte von höchstem Interesse. Hier scheint auch eine zumindest personelle Verbindung zu Provenienzfragen der Kunsthalle Bremen auf, deren Direktor sich, wie Kai Artinger herausgearbeitet hat, mit seinem Bürgermeister auf Einkaufsfahrt nach Amsterdam begab.25 Dort war Heinrich Böhmckers Vetter Hans (1899-1942) seit 1940 Beauftragter des Deutschen Reiches für die Stadt Amsterdam und damit unter anderem für die Umsetzung aller gegen die jüdische Bevölkerung gerichteten Maßnahmen zuständig. Es gehört zu den schaurigen Ironien dieser Geschichte, dass Hans Böhmcker, der Zeitgenosse der frühen Plünderungen jüdischer Wohnungen, der 1923 mit einer Arbeit über “Die Haftung des Staates und der Kommunalverbände für Diebstähle fremder Sachen in Diensträumen” promoviert worden war, sich 1942 das Leben nahm, nachdem er unter massiven Bereicherungsverdacht geraten war.

In etwas anderer Weise von der Zeitgeschichte berührt erscheint der Hof Haake, der erst nach dem Zweiten Weltkrieg im Museumsdorf wieder errichtet wurde, im Winter 1942/43 aber in Cappeln unter der Mitwirkung örtlicher Handwerker von russischen26 Kriegsgefangenen demontiert worden war. Der Eintrag vom 7. Dezember 1942 in Heinrich Ottenjanns Tagebuch markiert den Beginn dieser sich dann in täglichen Einsätzen fortsetzenden Arbeit: Morgens fuhr ich nach Cappeln, wo sich auch Klöker und 1 Uffz. der Landesschützen mit 6 Russen einfanden.27 Dies sind nur zwei Beispiele für die Perspektiven einer dringend notwendigen genaueren Erforschung der frühen “Hausgeschichte(n)” des Museumsdorfes, zu denen vor allem auch die Übernahme des Herrenhauses Arkenstede aus dem Besitz des Generaldirektors der Firma Franz Haniel in Duisburg, Johann Wilhelm Welker, gehören würde. Das Haus Arkenstede beherbergte nach der Wiedererrichtung 1937 die Verwaltung und die ersten Ausstellungsräume des Museumsdorfes.

Hof Haake Abbau des Hofes Haake im Winter 1942/43.
(Archiv Museumsdorf Cloppenburg).

Haus Arkenstede Der Lautsprecherwagen der NSDAP, Gaupropagandaleitung Weser-Ems, Hauptstelle Rundfunk, vor dem Haus Arkenstede im Museumsdorf Cloppenburg, nach 1936.
(Archiv Museumsdorf Cloppenburg).

Die dritte Periode betrifft das zeitliche Umfeld der Pogrome im November 1938 und damit unter unserer Fragestellung das Problem der Beraubung der in dieser Region lebenden, verfolgten, vertriebenen und schließlich in großer Zahl ermordeten jüdischen Bewohner. Die übliche Berichterstattung konzentriert sich dabei auf die Zerstörungen, Verhaftungen, Gewalttätigkeiten und Vertreibungen. Zugleich aber werden Geschäfte geplündert, Wohnungen gestürmt, ihre Besitzer zum Verlassen gezwungen - wobei erst in jüngster Zeit systematisch die Frage gestellt wird, was mit all den Dingen geschieht, die dort sind und deren Mitnahme mit allen Mitteln verhindert wird.28 In Oldenburg wurden sogenannte “Aufholtrupps” aus jeweils drei SA-Männern gebildet,29 die die Wohnungen jüdischer Bürger stürmten und alle Männer abführten. Aus Vechta erfährt man von der Zerstörung und Plünderung der Blochschen Textilhandlung, “wie SA-Leute ganze Arme voller Waren in einen offenen Wagen schleppen”.30 In Cloppenburg kennt man das Bild des Lastwagens, mit dem Mobiliar aus dem Geschäft von Hermann Heyersberg abtransportiert wurde. Wohin er gefahren ist, wissen wir nicht, wohl aber, dass der überwiegende Teil von Verkäufen jüdischen Eigentums schon vor dem Pogrom durch den lokalen Auktionator August Reudink geschah, der, und dies ist wohl eher wieder ein Cloppenburger Spezifikum, den Pg. Vogel in aller Form aus dem Hause geworfen haben soll, als dieser im wegen der Verkäufe die Parteimitgliedschaft andiente. Ebensowenig gelang es hier, die Gegenstände aus der geplünderten Synagoge in der Kfz-Werkstatt Freyer an der Löninger Straße zu lagern, und Freyer weigerte sich darüber hinaus, wie Walter Denis herausfand, das von der SA bei den Brüdern Simon und David Jakobs entwendete Automobil unterzustellen.31

Abtransport Geschäft Heiersberg Cloppenburg Plünderung des Textilgeschäfts von Heiersberg in Cloppenburg am 10. November 1938.
(Walter Denis : Aus der Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Cloppenburg. (Die Blaue Reihe 10). Cloppenburg 2003, S. 85).

Noch viele Jahre nach Kriegsende kreisten die Fragen der Nachfahren jüdischer Familien aus Cloppenburg um die Frage, was seinerzeit mit dem Mobiliar ihrer Häuser geschehen sein möge. So verwahrt das Stadtarchiv Cloppenburg den Briefwechsel zwischen der inzwischen in Leeds ansässigen Herta Lipczer-Cohen und der Familie von Richard Büssing in Cloppenburg aus den Jahren 1957 bis 1966, in dem es um den Verbleib des Inventars von Haushalt und Schlachterei von Siegfried Rosenthal geht. Auch wenn Büssing keine genauen Angaben zu dem detailliert aufgelisteten umfangreichen Inventar machen kann, da er seinerzeit selbst eingezogen war, sieht er sich bewogen, in diesem Zusammenhang auf jene großen Mengen aus den Niederlanden antransportierter Möbel hinzuweisen, die in der großen Münsterlandhalle gelagert wurden, und unter denen er auch die aus den jüdischen Haushalten Cloppenburgs geraubten Möbel vermutet: Jedem zu der Zeit wohnenden Bürger in Cloppenburg war bekannt, dass in der Münsterlandhalle in Cloppenburg eine Anzahl Möbel jüdischer Familien gelagert und verkauft wurden. Als ich im Krieg als Gendarm eingezogen war, war ich Zeuge eines Transports holländischer-jüdischer Möbel, die aus einem holl. Schiff in Sedelsberg ausgeladen und per LKW von der Firma Nienaber, wohnhaft Neuscharrel, in die Münsterlandhalle Cloppenburg gefahren wurden. Es bedarf wohl keiner Erklärung, wo das Inventar des Hauses Rosenthal geblieben ist, da die Münsterlandhalle von dort nur 500 Meter entfernt ist.32 Gegenüber dem Anwalt von Herta Lipczer-Cohen fügt er hinzu: Der Transport der ansässigen jüd. Familien wird bestimmt nicht einzeln erfolgt sein. Wenn wirklich ein Möbeltransport erfolgt wäre, wäre dieser wie ein Lauffeuer durch Cloppenburg gegangen. Zu dem Verbleib dieser Möbel u. dergl. darf mit Bestimmtheit angenommen werden, dass diese zur Markthalle gebracht sind. Sollte der Transport zur Nachtzeit nicht über die Straße erfolgt sein, so können die Sachen durch den hinter dem Hause liegenden Garten in die Markthalle gebracht sein. Diese Markthalle ist mit Judenmöbeln angefüllt gewesen. Mir sind Namen bekannt, die von diesen Möbeln gekauft haben.33 Die städtische Erinnerung an diese materiellen Aspekte der Verfolgung und Vertreibung jüdischer Mitbürger war auch in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhundert, so kann man aus diesem Briefwechsel ablesen, noch weitaus gegenwärtiger als in damals einschlägigen Fragestellungen der historischen Regionalforschung zu diesem Thema.

Inventar Rosenthal Nach Räumen geordnete Aufstellung des Inventars des Hauses von Siegfried Rosenthal in Cloppenburg, erstellt um 1960.
(Stadtarchiv Cloppenburg).

Als vierte für die Provenienzforschung unserer Häuser besonders zu betrachtende Periode hat sich durch die Forschungen von Frau Rosenbohm-Plate34 und später auch durch die im Oldenburger Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte35 gemeinsam mit dem Stadtmuseum Oldenburg gewonnenen Einsichten in den letzten Jahren die Zeit um 1943 herauskristallisiert, dies vor allem unter dem damals geprägten Begriff der “Hollandmöbel”, also jener unvorstellbaren Mengen an Haushaltsgut aus jüdischen Wohnungen in den Niederlanden, in Belgien und Frankreich, die vor allem durch die Tätigkeit des Einsatzstabes Rosenberg in diesen Ländern erfasst und auf die Reise geschickt wurden.36

Ein fünfter, kaum genau abgrenzbarer Zeitraum lässt sich um das Jahr 1945 gruppieren. Was geschieht mit dem Ende des Krieges, als die bisherigen Bezüge ihre Gültigkeit verlieren, erste Rückforderungsprozesse anlaufen, damit aber bei weitem nicht alle Dinge erreicht werden, die seit den systematischen Raubzügen der Nationalsozialisten durch Europa, vor allem aber durch Deutschland vagabundieren? Die staatlichen Archive verfügen über eine bislang kaum erschlossene reichhaltige Überlieferung in dieser Hinsicht, die unter anderem die erfolgreichen wie die erfolglosen Anstrengungen der Militärregierungen gleich nach Kriegsende, dann die Versuche des Jewish Trust zu Anfang der fünfziger Jahre dokumentieren, einen Einblick in die Enteignungen und Entwendungen der Nazizeit zu gewinnen und Rückerstattungen zu initiieren. Man muss diese Akten in die Recherche einbeziehen, geben sie doch, wie sich nicht nur bei den “Hollandmöbeln” zeigt, entscheidende Hinweise auf das Material, aus dem sich eine ganze Gesellschaft - und in ihr auch die Museen - an diesem allgegenwärtigen und leicht zugänglichen Raubgut bedient hat. Hier sei auch vermerkt, dass Gespräche mit Antiquitätenhändlern deutlich machen, dass sich der Handel noch viele Jahre nach Kriegsende aus den Resten dieses Fundus weiterhin speiste.

Wer den ungeheuren Materialstrom in wohl alle Teile des Deutschen Reiches nationalsozialistischer Prägung hinein vor Augen hat, dem muss klar sein, dass der Horizont schon allein der auf nationalsozialistisches Raubgut im Museumsbesitz gerichteten Provenienzforschung zwangsläufig weit - in manchen Fällen gewiss Jahrzehnte - über die Zeit von 1933 bis 1945 hinaus reichen muss. Die “jüdische Stube”, von der nach Hörensagen im ländlichen Raum auch heute noch im vertraulichen Kreis die Rede ist, kann Möbelbestände umfassen, die ebensogut 1955 wie 1975 aus Nachlässen in museale Sammlungen gelangten und einer zunehmend auf dingliche Zeugnisse neuerer - ländlicher - Wohnkultur gerichteten Forschung zum willkommenen Forschungs- und Präsentationsgegenstand geraten. Deshalb muss man wohl gerade im Hinblick auf kulturgeschichtliche Sammlungen noch von einer sechsten und letzten Periode sprechen, die gleich mehrere Nachkriegsjahrzehnte umfasst. Die Übergabe von Hausrat, den Lüder Grolle aus dem Besitz seines Vaters in Oldenburg dem Stadtmuseum überließ37 - jenes “Dr. Grolle vom Gaupropagandaamt”, der als Person natürlich auch immer wieder in den Akten des Museumsdorfes eine Rolle spielt38 - diese Objektübergabe sollte uns dafür sensibilisieren, dass Dinge aus dem nationalsozialistischen Massenraub - Stühle, Tische, Schränke, Lampen, Accessoires - noch sehr lange aus Familiennachlässen im ganz normalen Sammlungszugang auftauchen können. Und es verweist auf die notwendige Sensibilisierung für diese Dinge, die wir aus solchen Projekten wie dem hier gerade laufenden erwerben.

Schluss

Die Einblicke der Provenienzforschung zeigen, dass kulturgeschichtliche Sammlungen, vor allem solche mit deutlich regionalem Selbstverständnis, in einem gänzlich anderen Umfeld und in völlig anderen Bindungen stehen als die Kunst- und Kunstgewerbekollektionen nationaler Einrichtungen. Unsere Beschäftigung mit der Sammlung des Museumsdorfes fokussiert sich daher zwar im Augenblick auf die nationalsozialistische Zeit, sie vollzieht sich aber in einem deutlich weiteren Zusammenhang. Wenn unsere Sammlungen in besonderer Weise der Region verbunden sind, dann sind sie es nämlich auch im Hinblick auf deren negative Seiten. Anders gesagt: dann sind auch die wenigen Objekte, die durch Enteignung und Vertreibung den Weg in unsere Magazine gefunden haben, Teil des von uns verwahrten, zu erschließenden und vor allem auch: zu zeigenden Kulturerbes - dies vielleicht mehr noch als viele andere Dinge. Die wenigen Objekte, die wir identifizieren können, stehen für nahezu flächendeckende Vorgänge der Folgen politischer und ziviler Entrechtung und Verfolgung und sind daher wie andere Dinge auch bedeutungsvolle Subjekte, die bleibend auf einen schrecklichen Zusammenhang verweisen.

Wir sind damit, so will es scheinen, zu einem der Grundanliegen zurückgekehrt, die vor kaum zwanzig Jahren die Konferenz in Washington bewegten. Miles Lerman, der Präsident des amerikanischen Holocaust Memorial Museums, brachte das Anliegen der von 44 Staaten getragenen Anstrengung auf den Punkt: It took over 50 years for the world to come to grips with the fact that the biggest murder of the century […] was also […] the biggest robbery in history.39 Es geht um das weltweite Plündern in Uniform, für das das Naziregime neben der Kriegführung wohl die größte Energie zu mobilisieren verstand. We are here to make sure that these wrongs are corrected in a just and proper manner, versicherte Lerman 1998. Dabei ging es immer schon um mehr als die genaue Beschreibung der unrechtmäßigen Sammlungsobjekte von Museen, wie die schließlich verabschiedeten Prinzipien zunächst nahezulegen scheinen. “It is essential”, so stellte Lerman schließlich fest, und dies gilt auch für alle unsere Recherchen, die nur in wenigen Fällen zu Restituierungen führen werden, und that we recognize that the debate … is not only about assets, but it is about what is right and what is wrong and what is just and what is unjust. The moral aspect of this debate is perhaps more important than the material consequences.

Anmerkungen

  1. Heinrich Ottenjann: Handschriftliche Tagebücher. Bd. V: 9. Juni 1942-13. September 1944, S. 1845. (Archiv Museumsdorf Cloppenburg). Die in der zititerten Passage angekündigten weiteren Erläuterungen zum Vorgang sind offenbar nicht zur Niederschrift gelangt. 

  2. Johannes Elerie, 14.12.1884-4.1.1964, Usquert/NL; Hinweis von Joachim Tautz, Projekt Provenienzforschung, Museumsdorf Cloppenburg. 

  3. Heinrich Ottenjann: Handschriftliche Tagebücher. Bd. V: 9. Juni 1942-13. September 1944, S. 1710, Eintrag vom 11. April 1943: Meine Tochter Irmgard führte morgens die Aufsicht, nachmittags löste Frl. Elerie sie ab. Ferner Heinrich Ottenjann an Willy Schenke in Berge (Gründer des dortigen Heimatvereins und dessen Vorsitzender 1934 bis 1957), Cloppenburg 30. Januar 1939: Ich freue mich, dass die Sache mit dem Lichtbildapparat in Ordnung kommt. Wir werden pünktlich, ich denke schon kurz nach 6 Uhr, dort sein. Herr Elerie hat mir versprochen, dass er uns fahren will. - Auch ich freue mich auf den Abend. (Archiv Museumsdorf Cloppenburg, Korrespondenz - Briefe Ausgänge, 1. Juli 1938 bis 30. September 1940, Nr. III, Bl. 828). 

  4. Groninger Archieven, 2220 Verzameling documenten Oorlogs- en Verzetscentrum Groningen (OVCG), 1935 - 2001, 4.2.567 (Diverse stukken betreffende de NBS Uithuizen en omgeving: kasboekjes met uitkeringen aan BS-ers; lijst met Rijksduitsers in Usquert; lijst met aangewezen administrateurs van de BS (1945-10-10); lijst van de KP-groep (BS) Usquert; rapport over NSDAP-lid J. Elerie uit Usqert; lijst met geld dat van NSB-ers in beslag genomen is, 1945); 1.1.2017. 

  5. Elerie hinterlässt nach dem Zweiten Weltkrieg u.a. Spuren in niederländischen Akten mit einem am 6. Mai 1959 unter der Nr. 49.851 bei der Zweiten Kammer der Generalstaaten eingebrachten Gesuch, Zitting 1967, 9044, Lijst nr. 1; 1.1.2017. Darin geht es um die seit 1948 bereits in drei niederländischen Instanzen behandelte Frage seiner Staatsangehörigkeit nach seinem im Mai 1939 im Deutschen Reich erfolgten Gesuch um Einbürgerung, in dessen Folge ihm am 24. Dezember 1940 eine “Einbürgerungsurkunde” ausgestellt worden war. Diese Frage war deshalb von großer Wichtigkeit für Elerie, der sich im September 1944 ausdrücklich als “Deutscher” in seinem Geburtsort Usquert niedergelassen hatte, weil er bei erfolgter Einbürgerung als Angehöriger eines feindlichen Staates allen Anspruch auf sein Eigentum in den Niederlanden verloren hätte. Während er seine deutsche Staatsbürgerschaft in den Niederlanden nach dem Krieg zunächst verschwiegen hatte, versuchte er mit seiner neuerlichen Eingabe 1959 eine Bestätigung der Ungültigkeit seiner Einbürgerung zu erwirken. Weitere Akten in diesem Zusammenhang finden sich auch im Bundesarchiv: BArch, B 326 Abwicklungsstellen für Reichs- und Staatsvermögen bei den Oberfinanzdirektionen. 

  6. Eine kurze Übersicht über die Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Warffum und ihre Deportation gibt das Groninger Archiv (17.1.2017). 

  7. Geförderte Projekte des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste. 

  8. So im Titel seines Vortrags in der Ringvorlesung des Kunstgeschichtlichen Seminars (Abruf 12.2.2017) der Universität Hamburg. 

  9. Uwe Hartmann : Provenienz und Forschung. Oder das Sichern von Spuren als praktische Form des Erinnerns. In: Provenienz & Forschung 1:2016, S. 3-5; hier: S. 5. 

  10. Dabei entwickelt Peter van Mensch in seinem Beitrag vor allem neue sammlungsspezifische Perspektiven auf den Begriff des “Eigentums”. 

  11. Icom International Committee for Collecting - COMCOL

  12. Götz Aly : Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Frankfurt a. M. 2005. 

  13. Eine Zusammenstellung aller Bereiche nationalsozialistischer Raub- und Plünderungstätigkeit fällt schwer, aber schon einige Gesamtzahlen deuten auf deren ungeheures Ausmaß. So haben jüdische Organisationen nach Kriegsende die materiellen Verluste der Juden auf 14 Milliarden Dollar geschätzt (vgl. Jürgen Lillteicher : Raub, Recht und Restitution. Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in der frühen Bundesrepublik. Göttingen 2007, S. 13), Helen B. Junz spricht von einem Gesamt(bank-)vermögen von . Ging es hierbei in erster Linie um Gold (vor allem der Reichsbank) und Kapitalien, so haben nationale Einzelstudien diese Erkenntnisse um zahlreiche andere Bereiche, wie z.B. Versicherungen, Kunstwerke, Immobilien, Grundbesitz und andere entwendete Güter, Verbindlichkeiten und Unternehmensbesitz ergänzt. Gerard Aalders summiert den Gesamtumfang des Raubes jüdischen Besitzes allein für die Niederlande auf eine Milliarde Gulden (Gerard Aalders : Nazi Looting. The Plunder of Dutch Jewry During the Second World War. Oxford/New York 2004, S. 223-224); vgl. zur nationalsozialistischen Enteignung von Versicherungsvermögen in den Niederlanden jüngst auch Regina Grüter : Strijd om gerechtigheid - Joodse verzekeringstegoeden en de Tweede Wereldoorlog. Amsterdam 2015. Traditionell sind dabei die westlichen Länder in der Recherche und in deren Ergebnissen überrepräsentiert, obwohl die Brutalität und das Ausmaß der Plünderungen in den von deutschem Militär und nationalsozialistischer Verwaltung überzogenen Ländern im Osten alles bis dahin Bekannte noch einmal in den Schatten stellten, soweit Vergleiche überhaupt möglich und statthaft sind; vgl. für den Bereich der Provenienzforschung u.a. Anja Heuss : Kunst- und Kulturgutraub - eine vergleichende Studie zur Besatzungspolitik der Nationalsozialisten in Frankreich und der Sowjetunion. Heidelberg 2000; Dieter Pohl : Der Raub an den Juden im besetzten Osteuropa 1939-1942. In: Constantin Goschler/Philipp Ther (Hg.): Raub und Restitution. “Arisierung” und Rückerstattung des jüdischen Eigentums in Europa. Frankfurt a. M. 2003, S. 58-72; Patricia Kennedy Grimsted : Roads to Ratibor. Library and Archival Plunder by the Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg. In: Holocaust and Genocide Studies V19/N3:2005, S. 390-458; Gutsul Nazarii : Der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg und seine Tätigkeit in der Ukraine (1941-1944). Diss. Gießen 2013. Regine Dehnel spricht von gegenwärtig 2013 noch 1.177.291 vermissten russischen Sammlungsobjekten, 60.000 nicht restituierten Objekten auf dem Territorium des heutigen Polen sowie über 10.000 Suchmeldungen in 14 ukrainischen Sammlungen; als Überblick vgl. Regine Dehnel : Die Täter, die Opfer und die Kunst. Rückblick auf den nationalsozialistischen Raubzug. osteuropa 1-2:III/2006, S. 7-22. Die nationalsozialistische Expansion als Strategie von Raub, Plünderung und Mord ist auch hier vermutlich erst an ihren Rändern thematisiert. 

  14. Vgl. Heinrich Ottenjann : Das Museumsdorf in Cloppenburg. Oldenburg 1944, S. 17-18. 

  15. Zur Gründungsgeschichte des Museumsdorfs Cloppenburg vgl. Uwe Meiners (Hg.): 75 Jahre. Heimatmuseum - Museumsdorf - Niedersächsisches Freilichtmuseum in Cloppenburg. (Kataloge und Schriften des Museumsdorfs Cloppenburg 3). Cloppenburg 1997. 

  16. Vgl. Wolfgang Brückner : Volkskunde. In: Tilmann Buddensieg/Kurt Düwell/Klaus-Jürgen Sembach (Hg.): Wissenschaften in Berlin. Bd. 2: Disziplinen. Berlin 1987, S. 123-127; hier: S. 125. Zu Konrad Hahm vgl. ferner Barbara Schier : Konrad Hahm, Josef Maria Ritz und die Deutsche Volkskunstkommission 1932-1938. In: Jahrbuch für Volkskunde NF 12:1989, S. 43-50; Erika Karasek : Konrad Hahm (1892-1943). Museum zwischen Aufbruch und Verhängnis. In: Jahrbuch für Volkskunde 26:2003, S. 121-136; Leonore Scholze-Irrlitz : Universitätsvolkskunde und Nationalsozialismus. Skizzen zur Fachetablierung und Öffentlichkeitsarbeit in Berlin. In: Rüdiger vom Bruch, Die Berliner Universität in der NS-Zeit. Bd. II: Fachbereiche und Fakultäten. Stuttgart 2005 133-147; Timo Saalmann : Kunstpolitik der Berliner Museen 1919–1959. (Schriften zur modernen Kunsthistoriographie 6). Berlin 2014. 

  17. Gallers Konferenzbeitrag gewährt einen Einblick in seine Fragestellungen. 

  18. Zu den Ergebnissen der Bestandsrecherche im Museumsdorf Cloppenburg und den daraus folgenden Verdachtsmomenten vgl. den Beitrag von Christina Hemken. 

  19. Der 1856 in Oldenburg geborene Großherzogliche Hofantiquar Moritz Landsberg führte in der dortigen Schüttingstraße Nr. 7 eine Buch- und Kunsthandlung, die auch Antiquitäten einschloss. Landsberg wurde bereits 1936 durch die Reichskammer der bildenden Künste der Kunsthandlung untersagt der Betrieb 1937/38 an einen “arischen” Nachfolger verkauft. Vgl. dazu die detaillierten biografischen Angaben zu Moritz Landsberg im “Erinnerungsbuch für die jüdischen NS-Opfer aus Oldenburg” - http://www.erinnerungsbuch-oldenburg.de/jeo.php?PID=259 (Abruf 19.2.2017); ferner ältere Angaben zur Familie Landsberg auch bei Harald Schieckel : Die ältesten jüdischen Familien in der Stadt Oldenburg. In: Udo Elerd/Ewald Gäßler (Hg.): Die Geschichte der Oldenburger Juden und ihre Vernichtung. (Veröffentlichungen des Stadtmuseums Oldenburg 4). Oldenburg 1988, S. 31-44. 

  20. Archiv Museumsdorf Cloppenburg, xxxx 

  21. Vgl. zur regionalen Sammlungs- und Museumsgeschichte unter dem Vorzeichen der Heimatbewegung Uwe Meiners : Konservierte Heimat - Musealisierung ländlicher Kulturgeschichte zwischen Idylle, Dokumentation und Ideologie. In: Uwe Meiners (Hg.): Suche nach Geborgenheit. Heimatbewegung in Stadt und Land Oldenburg. Oldenburg 2002, S. 274-305. 

  22. Zur Bauernhofforschung in der NS-Zeit vgl. den Beitrag von Michael Schimek. 

  23. So befinden sich bei den auf Veranlassung der britischen Militärverwaltung erstellten Listen der im Bereich des Landratsamts Brake verkauften “Hollandmöbel” im Niedersächsischen Landesarchiv, Standort Oldenburg (im Folgenden: NLA Oldenburg), Dep 20 WESER, Best. 231-4 Nr. 2052 (Zur Verfügungstellung und Verkauf von Hollandmöbeln (Judenmöbeln) an die Bevölkerung, Nachforschungen nach dem Verbleib beschlagnahmten jüdischen Kulturgutes und eingezogenen Vermögens, Enteignungen, Instandsetzung jüdischer Friedhöfe, Rückerstattungen u. a.) auch die Nachweise über jene mit dem Jahr 1933 einsetzenden Beschlagnahmungen bei politischen und gewerkschaftlichen Organisationen. 

  24. Vgl. dazu im Einzelnen Hermann Kaiser : Das Museumsdorf Cloppenburg - Vorbild rechter Baugesinnung und einer neuen Bauern- und Handwerkskultur? In: Sophie Elpers/Edeltraud Klueting/Thomas Spohn (Hg.), Landwirtschaftliches Bauen im Nordwesten zwischen 1920 und 1950. Münster 2009, S. 173-204. 

  25. Vgl. Kai Artinger : Zwei schleswig-holsteinische Nationalsozialisten in Amsterdam. Die Geschichte von Heinrich Böhmcker und Dr. Hans Böhmcker. Ein Beitrag zur deutschen Okkupationsgeschichte der Niederlande. In: Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte 49:2007, S. 4-55. 

  26. Als russisch werden im zeitgenössischen Alltagsgebrauch weitgehend alle osteuropäischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter bezeichnet, also sowohl Polen, Weißrussen, Ukrainer wie auch Russen. 

  27. In seinem Tagebuch dokumentiert Heinrich Ottenjann täglich die Fortschritte der Arbeiten vor Ort. 

  28. Grundlegend dazu die jüngst erschienene Dissertation von Anton Weise : Nach dem Raub. Die Vermögensverwertungsstelle beim Oberfinanzpräsidenten Hannover (1941-1950). (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen 290). Göttingen 2017. 

  29. Vgl. Die Geschichte der Oldenburger Juden und ihre Vernichtung. (Veröffentlichungen des Stadtmuseums Oldenburg 4). Oldenburg 1988, S. 76. 

  30. Ulrich Behne : Die Viehhändlerfamilie Gerson und das Schicksal der jüdischen Gemeinde zu Vechta. (Veröffentlichungen des Museums im Zeughaus, Stadt Vechta 6). 2. Aufl. (1. Aufl. 2001). Diepholz 2010, S. 168. 

  31. Walter Denis : Aus der Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Cloppenburg. (Die Blaue Reihe 10). Cloppenburg 2003, S. 84. 

  32. Typoskript Richard Büssing - Entwurf für die Beantwortung einer schriftlichen Befragung durch das Amtsgericht Cloppenburg vom 4. August 1965; Stadtarchiv Cloppenburg. Freundlicher Hinweis von Hannelore Warmhold und Ruth Decker, Archivgruppe des Heimatvereins Cloppenburg. 

  33. Richard Büssing an die Anwaltskanzlei Richard Meyer/Bernhard Sürken in Meppen (Typoskript/Durchschlag), [Cloppenburg] 2. Mai 1965; Stadtarchiv Cloppenburg. 

  34. Vgl. Margarete Rosenbohm-Plate : Hollandmöbel - Auslandsmöbel - Judenmöbel. In: Oldenburger Jahrbuch 103:2003, S. 169-176 sowie den Beitrag in der hier vorgelegten Sammlung von Aufsätzen. 

  35. Zur Provenienzforschung im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg vgl. den Beitrag von Markus Kenzler. 

  36. Zu diesen Raubzügen liegen inzwischen wichtige Arbeiten vor, ohne dass bereits eine Gesamtschau des Geschehens erfolgt wäre. So z.B. für die Niederlande vor allem die Arbeiten von Gerard Aalders : Roof. De ontvreemding van joods bezit tijdens de Tweede Wereldoorlog. Amsterdam 1999 (dt. u.d.T. Geraubt! - Die Enteignung jüdischen Besitzes im Zweiten Weltkrieg. Köln 2000) sowie ders., Gerard Aalders : Berooid. De beroofde joden en het Nederlandse restitutiebeleid sinds 1945. Amsterdam 2001. Für Belgien sind dies z.B. Arbeiten von Kris Stabel : De Möbelaktion.Het Duitse beheer van de in België geconfisqueerde Joodse goederentijdens de Tweede Wereldoorlog. Leuven 1999-2000; Johanna Pezechkian : La “Möbelaktion” en Belgique. In: Cahiers d’histoire du temps présent 10:2002, S. 153-180; Rudi van Doorslaer : De spoliatie en restitutie van de joodse bezittingen in België en het onderzoek van de Studiecommissie. In: Cahiers d’histoire du temps présent 10:2002, S. 81-106; Rudi van Doorslaer u.a.: La Belgique docile. Les autorités belges et la persécution des Juifs en Belgique pendant la Seconde Guerre mondiale. Bruxelles 2007. In Frankreich insbesondere die Studie von Tal Bruttmann : “Aryanisation” économique et spoliations en Isère (1940-1944). Grenoble 2010. 

  37. Katrin Zempel Bley : Lühr Grolle gibt Hollandgut zurück. In: OOZ - Oldenburger Onlinezeitung vom 8. Juli 2014. 

  38. So etwa im Tagebucheintrag Heinrich Ottenjanns vom 2. Juni 1942, der Grolles Vermittlungsrolle im Bezug auf den neuen Gauleiter Wegener dokumentiert: “Dr. Grolle vom Gaupropagandaamt bestätigte den Anruf Dr. Koops, versicherte aber weiter, dass der neue Gauleiter das Mdf, das man ihm als die einzige kulturelle Einrichtung des ganzen Gaues, das wirklich Linie zeige, vorgestellt habe, bald besuchen und sicher auch recht fördern werde, dass er selbst das Vorwort zu dem Buche schreiben wolle und dieses unter seiner Flagge bereits segeln solle. Dr. Grolle erklärte außerdem, dass er selbst die Sache des Museumsdorfes als seine persönliche betrachten und betreiben werde. Der neue Gauleiter, der sich in allem sehr großzügig zeige, werde sicher auch alle Schwierigkeiten und Hemmnisse, die in letzter Zeit dem Mdf in den Weg getreten seien, aus dem Weg räumen.” (Archiv Museumsdorf Cloppenburg). 

  39. Proceedings of the Washington Conference on Holocaust-Era Assets, Opening Statements