Provenienzforschung in den völkerkundlichen und naturkundlichen Sammlungen des Bremer Übersee-Museums

Bettina von Briskorn

Übersee-Museum Bremen

Seit Januar 2015 fördert das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste am Übersee-Museum Bremen ein Vorhaben mit dem Titel: Untersuchung ausgewählter völker- und naturkundlicher Zugänge des Übersee-Museums Bremen aus der Zeit von 1933 bis 1945, deren Provenienz mutmaßlich auf eine verfolgungsbedingte Entziehung verweist. Dieses Projekt hat im Rahmen der den Nationalsozialismus betreffenden Provenienzforschung bisher wenig bearbeitetes Terrain betreten: Die Beschäftigung mit Naturalien und Ethnographica.

Übersee-Museum Bremen Das Übersee-Museum.
(© Übersee-Museum, Foto: Matthias Haase).

Das Übersee-Museum1

Das 1896 eröffnete Übersee-Museum ist ein Mehrspartenhaus, dessen Gründung auf eine Initiative Bremer Kaufleute zurückgeht. Die drei im Haus vertretenen Disziplinen sind die Völkerkunde (Ethnologie), die Naturkunde (Biologie) und die Handelskunde (Wirtschaftsgeschichte), welche teilweise seit Eröffnung integriert – also gemeinsam – und nach Kontinenten gegliedert in den Ausstellungen präsentiert werden.

Diorama Ein Diorama: Tiere der Savanne, südliches/östliches Afrika.
(© Historisches Bildarchiv Übersee-Museum Bremen P 12430).

Von Beginn an hat man im Bremer Museum auf eine anschauliche Präsentation mit Hilfe „lebensvoller Schaugruppen“ gesetzt. Eine „mimetische“ Ausstellungskonzeption wurde verfolgt, eine Konzeption, die das kopiert, „… was zurückgelassen wurde als die Dinge draußen in der Welt ausgewählt wurden“ (Sjørslev 1994:178). Mit dieser Darstellungsweise ging dennoch der Anspruch einher, wissenschaftlich zu sein. Popularisierungsbestrebungen und zeitgenössische Auffassung von Wissenschaft haben sich mithin auf die Bestandsbildung ausgewirkt.

Maschkulumbe-Gruppe Die sogenannte Maschukulumbe-Gruppe, die das südöstliche Afrika repräsentieren sollte, wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.
(© Historisches Bildarchiv Übersee-Museum Bremen P 20535).

Das Museum im Nationalsozialismus2

Recht bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten auch in der Hansestadt wurde Museumsdirektor Prof. Hugo Schauinsland (1857-1937) durch den Studienrat, Spinnenkundler und „alten Kämpfer“ Prof. Carl Friedrich Roewer (1881-1963), der ohne jede museologische Vorbildung war, ersetzt. Bei der Entlassung Schauinslands spielten sowohl sein Alter als auch die Frage seiner politischen Zuverlässigkeit eine Rolle.

Seit Ende 1933 erfolgte der Aufbau einer Abteilung „Stammesgeschichte und Rassen der Menschen“, die 1935 eröffnet wurde. Starke Konsequenzen in Bezug auf die Präsentation und die Beschaffungspolitik des Hauses hatte die 1935 vom Senat beschlossene – am Kolonialrevisionismus orientierte – Umbenennung des Hauses in „Deutsches Kolonial- und Übersee-Museum“.

Mit dem neuen Namen wurde der Museumsetat erhöht. Damit konnten das Personal aufgestockt und eine eigene Zeitschrift gegründet werden. Eine Umgestaltung des Hauses wurde in Angriff genommen, so z.B. die Afrika-Abteilung neu eingerichtet. Für die Zeit von Roewers Direktorat lässt sich desweitern eine verstärkte Hinwendung zu naturwissenschaftlichen Fragen (Arachnologie und Entomologie, also Spinnen- und Insektenkunde) feststellen.

Noch vor dem Überfall auf Polen schloss man die Ausstellungen und begann bald mit der Sicherung der Bestände. Ab dem Jahr 1940 litt das Museum unter der Bombardierung der Stadt; viele der Inszenierungen wurden zerstört (vgl. Abel 1970:186 u. 232 ff.).

Hugo Schauinsland Hugo Schauinsland 1933.
(© Historisches Bildarchiv Übersee-Museum Bremen).

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Bremen zur amerikanischen Besatzungszone. Carl Friedrich Roewer wurde von den amerikanischen Besatzungsbehörden seines Amtes enthoben und im Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer eingestuft (StAB 4,1/4).

Carl Friedrich Roewer Carl Friedrich Roewer um 1934.
(© Historisches Bildarchiv Übersee-Museum Bremen).

Verfolgung im Spiegel der musealen Korrespondenz – Beispiele

Auch in der musealen Korrespondenz spiegeln sich die seit Anfang 1933 veränderten politischen Verhältnisse: Eine Beschwerde der Kreispropagandaleitung führte 1935 dazu, dass man einem jüdischen Stifter seine Stiftungen abkaufte, um dessen Namen an den Exponaten nicht mehr nennen zu müssen (Briskorn 2000:90 ff.).Fritz Max Weiss, ehemaliger Diplomat mit jüdischen Vorfahren, bot dem Museum 1940 – wohl aus finanzieller Not – ein abessinisches Kirchenkreuz zum Kauf an. Das Museum lehnte ab (ÜM 188). Im September 1941 gab Oscar von Gebhardt, Reichskolonialbund, einen Hinweis auf naturkundliche Sammlungen, die im Zusammenhang mit der „Auflösung“ des Klosters Hiltrup unter Umständen übernommen werden könnten (Stichwort „Klostersturm“) (ÜM 189). Diese Übernahme kam vermutlich nicht zustande.

Das Projekt

Ein breites Spektrum an Einlieferern von heterogenem Material ist im Eingangsbuch des Museums dokumentiert: So z.B. der Schüler mit dem Vogelnest, der ehemalige Kolonialoffizier mit dem Thronsessel einer afrikanischen Persönlichkeit“, Naturalien- sowie Ethnographica-Händler oder der wohlhabende Unternehmer mit einer Anstiftung aus Ostasien.

Auf den Zeitraum 1933 bis 1945 bezogen weist das Eingangsbuch des Übersee-Museums 1214 Zugänge (Einzelobjekte oder Sammlungen) auf. Diese 1214 Eintragungen wurden auf Verdachtsmomente hin durchgesehen. Bei zunächst sieben Zugängen ist eine Überprüfung der Provenienz als notwendig erachtet worden.

Verdachtsmomente bzgl. der Zugänge:

⦁ Der Erwerb erfolgte aus dem Gebrauchtmöbelhandel.
⦁ Die abgebende Stelle ist das Rathaus.
⦁ Der Stifter hat in anderen Zusammenhängen Kunst von als Juden Verfolgten erworben.
⦁ Der Veräußerer ist ein ehemaliger enger Mitarbeiter eines als Juden verfolgten exilierten Naturwissenschaftlers.
⦁ Die Objekte wurden in finanzieller Notsituation an jemanden verkauft, der (vor allem politisch) Verfolgte unterstützte.
⦁ Die Einlieferung erfolgte durch die amerikanische Property Control.

Die Quellenlage vor Ort

Die Objektdokumentation in den musealen Verzeichnissen ist in der Regel recht oberflächlich. Sie kann z.B. lauten „1 persische Keramik (Schale)“. Abbildungen sind nicht vorhanden und wissenschaftliche Benennungen fehlen häufig.

In Hinblick auf die Korrespondenz weist die Überlieferung Lücken auf. Es ist hauptsächlich direktoriale Korrespondenz erhalten, die Briefwechsel der Abteilungsleiter sind nur vereinzelt archiviert, Objektlisten fehlen in vielen Fällen, auch Rechnungen sind oft nicht mehr vorhanden.

Die Akten der vorgesetzten Behörde, die das Bremer Staatsarchiv bereithalten würde, sind im Zweiten Weltkrieg vernichtet worden. Es muss daher häufig nach Parallelüberlieferung gesucht werden. Das Staatsarchiv verwahrt Quellen der Regionalgeschichte und Vorgänge das Museum betreffend. Naturwissenschaftlich interessante Objekte finden sich in der wissenschaftlichen Zeitschriftenliteratur dokumentiert, die in der gut ausgestatteten Museumsbibliothek eingesehen werden kann.

Eingangsbuch 1936 Eintragungen des Jahres 1936 im Eingangsbuch.
(© Übersee-Museum Bremen).

Inventarbuch Amerika Auszug aus dem Inventarbuch “Amerika”.
(© Übersee-Museum Bremen).

Vorgehensweise

Bei der Recherche wird wie folgt vorgegangen. Zunächst werden die Eintragungen im Eingangsbuch und in den Inventarverzeichnissen geprüft. Von diesen ausgehend wird Einblick in die im hauseigenen Archiv überlieferten Unterlagen genommen und unter Umständen nach Aufnahmen im Historischen Bildarchiv gesucht. Daran schließt sich der Versuch der Inaugenscheinnahme und händischen Überprüfung der Objekte (Etiketten) an. Anders als zu Beginn des Vorhabens vermutet, lässt sich diese nicht immer durchführen, da ein Teil der Objekte unauffindbar ist.

Recherchen im Bremer Staatsarchiv ergänzen das Bild und je nach Objekt/Objektgruppe werden Anfragen an auch auswärtige Archive (Melderegister, Bankdaten, Personalakten, Ankaufsunterlagen etc.), wissenschaftliche Sammlungen sowie Museen (Ankäufe, Korrespondenz zu Beständen) usf. gerichtet. Es wird außerdem Literatur ausgewertet, die im Internet zugänglichen Findmittel von Archiven werden genutzt, digitalisierte Adressbücher, digitalisierte Auktionskataloge sowie digitalisierte Literatur und Zeitschriften werden eingesehen.

Probleme

Wie Becker, Schmitz und Stoll (2014:1) formulieren, ist „… die ‚Anonymität‘ naturkundlicher Objekte bedeutend größer […] als die von Kunstwerken: Eine eindeutige Wiedererkennung der Tiere etc. ist oft sehr schwierig oder gar nicht möglich; …“ Im Eingangsbuch genannte Naturalien lassen sich aktuell nicht immer in den Inventaren und somit auch nicht in den Beständen identifizieren –also auffinden – was die Zahl möglicher Ansatzpunkte für die Recherche stark verringert. Als Beispiel sei auf folgende Einträge im Eingangsbuch Bezug genommen. Angaben wie „217 Insekten vom Monte Gargano“ und „20 Kästen Insekten“, machen es schwer, die relevanten Tiere unter rund 600.000 Individuen auszumachen. Sind die Tiere bekannt, dann kann die entomologische Dokumentation sehr gut sein (siehe hier die Aufnahme der Sandwespen). Aufgrund der hohen Zahl an Individuen in entomologischen Sammlungen sind Individuen nicht mit einer eigenen Nummer versehen. Kleine Sammlungen wurden aufgelöst und in die nach Arten geordnete Hauptsammlung eingegliedert (Stichwort Taxonomie/Systematik).

Sandwespen Sandwespen.
(© Übersee-Museum Bremen, Foto: Matthias Haase).

Hinsichtlich der in die Untersuchung aufgenommenen Artefakte lässt sich feststellen, dass sie mehrheitlich zu den Dingen zählen, welche eine – hier ebenfalls im Vergleich zum Kunstwerk – geringere Wertschätzung erfahren haben. Entsprechend sind die Spuren, die sie in den Quellen hinterlassen haben, auch geringer.

Drei Fälle kurz präsentiert

Der Erwerb einer Sammlung aus dem Gebrauchtmöbelhandel in Bremen bot Anlass zu ihrer Überprüfung.3 Vogelbälge, Reptilien und Säuger aus Brasilien, gelangten 1936 in einem Schrank ins Museum. Wie sich zeigte, ist Reinhard Wilhelm Bädecker (1871-1951) der unverdächtige Sammler (zumindest) der Bälge. Als junger Mann lebte der Bremer im Rahmen seiner Ausbildung zum Tabakkaufmann in Brasilien.

Vogelbälge Vogelbälge aus der Kollektion Bädecker.
(© Übersee-Museum Bremen, Foto: Nina Richelmann).

Bädecker Reinhard Wilhelm Bädecker.
(Abb. aus: P. Friedeberger, „Handels-Archiv“, o.J. (1922), S. 41).

Generalkonsul Dr. h.c. Ludwig Roselius, Bremen, Eigentümer der Kaffee Hag und der Böttcherstraße, schenkte dem Haus 1938, vermittelt über den Regierenden Bürgermeister, „24 Tongefäße / 2 Tonmasken {gebrannt} Peru“ – Gegenstände, welche in aller Regel aus Raubgrabungen herrühren.4 Roselius war durch sein Engagement für seine Museen in regem Kontakt zum Kunsthandel bzw. durch eigene Geschäfte direkt in ihn involviert.

Sammlung Roselius Ein Objekt (C 2481) aus der Sammlung Roselius.
(© Übersee-Museum Bremen).

Für das Roselius-Haus erwarb er in der NS-Zeit u.a. Objekte, die aus jüdischem Besitz stammten und die inzwischen restituiert bzw. zu einem angemessenen Preis von den Erben erworben wurden (vgl. Stamm/Malycheva 2010). Es ist bisher nicht geklärt, ob der Kaffeekaufmann die altperuanischen Gegenstände auf einer Auktion, im Handel oder selbst vor Ort kaufte. Im überlieferten Briefwechsel zur Vereinnahmung der Kollektion finden sich widersprüchliche Angaben. Nachweislich in den 1920er Jahren interessierte sich Ludwig Roselius für Altperuanisches, weil es, so glaubte er, germanische Spuren aufweise.

Ludwig Roselius Ludwig Roselius, von Nicola Perscheid fotografiert.
(Datierung unklar, gemeinfrei).

Aus dem Bremer Rathaus erhielt das damalige „Deutsche Kolonial- und Übersee-Museum“ als Leihgabe„1 Walross-Schädel mit Ketten geschmückt, so der Vermerk im Eingangsbuch.5 Es hat sich herausgestellt, dass der Walrossschädel wohl im Zusammenhang mit der Sicherung des Rathausinventars vor Bombengefahr ins Museum gelangte. In der Senatskanzlei wird er heute auf einer Verlustliste geführt. Der Verbleib des Schmuckes ist zurzeit nicht bekannt. Der Walrossschädel hing im Bürgermeisterzimmer des Neuen Rathauses. Die Arbeit führte der Kunsthandwerker Fritz von Miller 1912/13 aus.

Walrossschädel Vergleich des Walrossschädels in seinem heutigen Zustand mit einer historischen Fotografie, die mutmaßlich den Zustand bei Einlieferung in die Bestände zeigt.
(© Übersee-Museum Bremen, Foto: Matthias Haase).

Fazit

Die Recherchen sind breit angelegt unter Nutzung der Dienste einer Vielzahl von Archiven. Die Annäherung an die Provenienzen erfolgt über Personen und abgebende Institutionen in geringerem Maße über die Objekte. Auch wenn bisher lediglich für zwei Zugänge, die Herkunft (ziemlich) zweifelsfrei aufgeklärt werden konnte, erhellt die Untersuchung die Geschichte des Museums im Nationalsozialismus und klärt darüber hinaus die Provenienz anderer Zugänge.

Quellen

Archiv Übersee-Museum (ÜM)

ÜM 188, Briefe, Ein- und Ausgänge vom 1. Jan. 1940 bis zum 31. Dez. 1940

ÜM 189, Korrespondenz, ein- und Ausgänge vom 1. Jan. 1941 bis 31. Dez. 1941

Eingangsbuch

Staatsarchiv Bremen (StAB)

StAB 4,1/4 Roewer, Carl Prof. Dr. (Versorgungsakte)

Literatur

Herbert Abel 1970, Vom Raritätenkabinett zum Bremer Überseemuseum. Die Geschichte einer hanseatischen Sammlung aus Übersee anläßlich ihres 75jährigen Bestehens, Bremen

Peter-René Becker/Michael Schmitz/Silke Stoll 2014, Leitfaden Provenienzforschung und Restitution. Eine Empfehlung, Februar 2014, veröffentlicht auf der Homepage des Deutschen Museumsbundes als PDF unter: www.museumsbund.de/fileadmin/fg_natur/DMB_Provenienzforschung.pdf

Bettina von Briskorn 1995, Das Übersee-Museum im Nationalsozialismus, in Hartmut Roder (Hrsg.), Bremen. Handelsstadt am Fluß, Bremen, S. 77-82

Bettina von Briskorn 2000, Zur Sammlungsgeschichte afrikanischer Ethnographica im Übersee-Museum Bremen 1841-1945, Bremen

Inger Sjørslev 1994, Drei Thesen über die Welt im ethnographischen Museum, in: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn (Hrsg.), Wunderkammer des Abendlandes, Museum und Sammlung im Spiegel der Zeit, Bonn, S. 177-184

Rainer Stamm/Tanja Malycheva 2010, Zum Stand der Provenienzrecherche im Museum im Roselius-Haus, Bremen, in: Koordinierungsstelle Magdeburg (Hrsg.), Die Verantwortung dauert an. Beiträge deutscher Institutionen zum Umgang mit NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut, Magdeburg, S. 99-112

Anmerkungen

  1. Zur Geschichte des Museums siehe Abel (1970) und Briskorn (2000). 

  2. Zum Museum im Nationalsozialismus siehe Briskorn (1995 u. 2000:82 ff.). 

  3. Eingangsnummer: E 7087. 

  4. Eingangsnummer: E 7342. 

  5. Eingangsnummer: E 7557.