Die Bernhard-Winter-Stiftung - Provenienzforschung am Stadtmuseum Oldenburg

Sabine Stührholdt

Stadtmuseum Oldenburg

Das Stadtmuseum Oldenburg hat mit einem ersten kurzfristigen Forschungsprojekt zum Vermächtnis des Oldenburger Künstlers Bernhard Winter einen Grundstein für die weitergehende Provenienzforschung am Hause gelegt. Die Durchführung des Projekts von November 2015 bis März 2016 wurde mit Mitteln der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg ermöglicht.

Die Sammlungsbestände des Stadtmuseums gehen in ihrem Kern auf die Stiftung des Museumsgründers Theodor Francksen im Jahr 1914 zurück. Andere Zustiftungen, Ankäufe und Schenkungen erweiterten die Sammlungen seitdem kontinuierlich. Die Bernhard-Winter-Stiftung bildet darin einen besonderen Schwerpunkt.

Als Portrait- und Volkslebenmaler war Bernhard Winter (1871-1964) zu Lebzeiten die erfolgreichste Oldenburger Künstlerpersönlichkeit. Parallel zu seinem künstlerischen Schaffen trug der renommierte Maler über viele Jahrzehnte eine große kulturgeschichtliche Sammlung zusammen, die neben Möbeln und vielerlei bäuerlichem Hausrat aus dem nordwestdeutschen Raum auch überregionale Objekte und Antiquitäten umfasste. Seinen Nachlass vermachte Bernhard Winter der Stadt Oldenburg. Mit der nach ihm benannten Stiftung kam 1964 neben seinem eigenen Oeuvre auch seine umfangreiche Sammlung in die Obhut des Stadtmuseums Oldenburg. Bis heute ist dieses Vermächtnis ein nicht unwesentliches und zugleich ein umstrittenes Standbein des Hauses. Seiner Präsentation sind mehrere Ausstellungsräume gewidmet. Im Fokus der Untersuchung stand die vom Künstler zusammengetragene Kollektion von etwa 600 Objekten. Sie haben überwiegend einen regionalgeschichtlichen Bezug.

Der Oldenburger Heimat blieb Bernhard Winter, ungeachtet seines Akademiestudiums in Dresden und überregionaler Erfolge, zeit seines Lebens eng verhaftet. Seine beiden künstlerischen Standbeine, das Portraitfach und die rückwärtsgewandten Volkslebenbilder, verschafften ihm ein hervorragendes Ansehen in Stadt und Land Oldenburg. Die Ehe mit Martha Schröder, Tochter des Ökonomierats und Landtagspräsidenten Wilhelm Schröder, festigte Bernhard Winters gesellschaftliche Stellung. Eine repräsentative Stadtvilla, die das Paar bewohnte, beherbergte zugleich die stetig anwachsende Sammlung von Möbeln, Kunstgewerbe und bäuerlichem Hausrat.

Während der Zeit des Dritten Reichs standen beide Eheleute der völkischen Ideologie des Nationalsozialismus nahe. Bernhard Winter genoss die ungeteilte Anerkennung des Regimes und seiner Funktionsträger vor Ort. Gauleiter Carl Röver1 brachte ihm besondere Wertschätzung entgegen, die Winter wiederum mit kleinen Aufmerksamkeiten zu pflegen wusste. Der schriftliche Nachlass des Malers legt davon Zeugnis ab. Eine Mitgliedschaft in der NSDAP blieb ihm zwar aus Gründen seiner früheren Zugehörigkeit zur Freimaurerloge versagt. Dessen ungeachtet gaben seine Verbindungen zu den Nationalsozialisten Anlass zu der Frage, ob Bernhard Winter über einschlägige Kontakte möglicherweise einen privilegierten Zugriff auf sogenanntes „Hollandgut“ hatte, auf jene beschlagnahmten Güter aus jüdischem Besitz, die seit 1942 im Rahmen der sogenannten „M-Aktion“ des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg (ERR) als nationalsozialistisches Raubgut per Bahn oder Schiff aus den Beneluxländern und aus Frankreich im Nordwesten Deutschlands, dem damaligen Gau Weser-Ems, zur Verteilung kamen.

Bernhard Winter hat kein eigenes Verzeichnis seiner Sammlung hinterlassen. Somit lagen bei der Museumsübernahme 1968 keine überlieferten Objektdaten vor, die in die damalige Erstinventarisierung der Objekte hätten einfließen können. Im Inventarverzeichnis des Museums sind dementsprechend keinerlei Herkunftsvermerke zu dieser Sammlung eingetragen. Die Provenienzforschung konzentrierte sich daher zunächst auf die Untersuchung des umfangreichen schriftlichen Nachlasses des Künstlers. Alle vorhandenen Schriftquellen und fotografischen Dokumente aus den Jahren 1933 bis 1945, darunter vielerlei private Aufzeichnungen und Korrespondenz, wurden einer systematischen Überprüfung unterzogen und auf etwaige Verdachtsmomente hin ausgewertet. Relevante Kontodaten, Rechnungen, Quittungen oder Aufstellungen konnten im Nachlass jedoch nicht ermittelt werden. Aus dem großen Zeitraum von 1926 bis 1952 sind keinerlei Kontobücher mehr vorhanden. Die wenigen überlieferten Rechnungen der Jahre 1933 bis 1945 sind für die Provenienzforschung nicht ergiebig. In einem weiteren Schritt erfolgte die systematische Untersuchung der gut 600 im Bestand des Museums nachgewiesenen Sammlungsobjekte im Hinblick auf spezifische äußere Besitz- und Herkunftsmerkmale wie etwa handschriftliche Bezeichnungen, Stempel, Aufkleber und Nummerierungen, die auf eine fragwürdige Erwerbsgeschichte hinweisen könnten. In beiden Forschungsschritten wurden konkrete Hinweise und auch potentiell relevante Daten in digitalen Verzeichnissen dokumentiert. Im Falle neuer Erkenntnisse und weitergehender Fragen an die Sammlung kann somit detailliert darauf zurückgegriffen werden.

Außergewöhnliche Objekte innerhalb der Sammlung

Einige Exponate fallen dadurch auf, dass sie Bernhard Winters Sammlungsschema, das wesentlich von der Heimatbewegung geprägt war, nicht entsprechen. Diesen Objekten und ihrer Dokumentation galt im Laufe des Projekts eine besondere Aufmerksamkeit.

Insbesondere zu einem Möbelensemble des Jugendstils, einem eleganten Damensalon, wurde intensiver geforscht. Er stand im besonderen Fokus eines diffusen Verdachts auf unrechtmäßigen Erwerb. Etikettfragmente einer Brüsseler Spedition lassen eine belgische Herkunft des Salons vermuten. Diese Aufkleber, gleichfalls im Jugendstil gestaltet, zeugen von einem frühen Transport um 1900. Sie lassen die Frage unbeantwortet, ob Bernhard Winter das bemerkenswerte Ensemble in den Jahren 1942 bis 1945 aus einem Verkauf von sogenannten „Hollandmöbeln“ als Raubgut aus den Beneluxländern erworben haben könnte. Der mündlichen Überlieferung zufolge hatte der Künstler die Salonmöbel bereits in den 20er Jahren von einem Auftraggeber in den Niederlanden, der Hoteliersfamilie Tappenbeck, als Teilhonorar für seinerzeit dort ausgeführte Portraitaufträge erhalten, um ihn seiner Gattin zum Geschenk zu machen. Winters Briefe aus Noordwijk an seine Frau in Oldenburg aus den Jahren 1924 und 1926 enthalten jedoch keine Hinweise auf diesen Vorgang. Die Spurensuche der Provenienzforschung hat im schriftlichen Nachlass keinerlei konkrete Anhaltspunkte für einen möglicherweise unrechtmäßigen Erwerb gefunden. Aufgrund ihrer besonderen Gestaltungsmerkmale - eingelassene Reliefplaketten aus weißblauer Keramik der englischen Marke Wedgwood - sind die hochwertigen Möbelstücke dieses Ensembles als Unikate zu betrachteten. Mit diesem Alleinstellungsmerkmal konnte der gesamte Salon in den hierfür relevanten Datenbanken als eventuelle Verlustmeldung gesucht werden. Auch diese Suche erbrachte keinen Hinweis auf einen verfolgungsbedingten Entzug.

Die Gipsreplik einer antiken Tanagra-Figur stammt nach Kenntnis des ehemaligen Museumsleiters Dr. Wilhelm Gilly aus dem Kunsthandel Fritz Gurlitt, Berlin, und ist vermutlich um 1910 entstanden.2 Fritz Gurlitt gab ab etwa 1880 solche Nachbildungen in Auftrag und handelte damit.3 Die Provenienz dieser Replik aus der Sammlung Bernhard Winter lässt sich nach derzeitigem Kenntnisstand ebenfalls nicht belegen.

Auch zu den weiteren Objekten, die nicht in das engere Sammlungsschema passen, darunter kunstgewerbliche und Hausratgegenstände aus Frankreich, den Niederlanden, Italien und England, wurden keine konkreten Hinweise auf eine zweifelhafte Herkunft gefunden.

Drei konkrete Verdachtsfälle

Die systematische Auswertung der umfangreichen Korrespondenz und der privaten Aufzeichnungen ergab drei konkrete Verdachtsfälle, die einen NS-verfolgungsbedingten Hintergrund vermuten lassen und tiefergehende Recherchen erforderlich machten. Ganz unterschiedliche Erwerbswege wurden dabei beleuchtet. So hat sich gezeigt, dass zwei dieser Fälle über die ursprüngliche Fragestellung des Projekts nach sogenanntem „Hollandgut“ hinausweisen.

Eine Schmucksendung

In der Korrespondenz des Künstlers begründet ein Schreiben des Gold- und Silberschmieds Friedrich Byl aus Leer einen Anfangsverdacht. Am 20.06.1934 übermittelt Byl mit diesem Schreiben ein von Bernhard Winter bestelltes volkstümliches Silberarmband, das in der Leeraner Firma „zur Ablieferung“ gekommen sei. Die auffällige Formulierung gab den Anlass, tiefergehend zu recherchieren.

Das Familienunternehmen D. Byl war seit Generationen erfolgreich in der handwerklichen Produktion von hochwertigem Filigranschmuck und pflegte überregionale Geschäftsbeziehungen zu Kunden und Händlern. In der renommierten Silberschmiede wurde die Praxis der traditionellen Handwerksarbeit am Leben gehalten, während die teilindustrielle Schmuckherstellung und die Modeschmuckindustrie die Branche bereits gefährdeten.4 Auch die Firma Byl bekam diese Entwicklung zu spüren. Während der Weltwirtschaftskrise mussten Mitarbeiter entlassen werden.5 Umso bemerkenswerter ist die Feststellung des Historikers Jürgen Byl in einem Beitrag zur Firmengeschichte, dass das Unternehmen im Dritten Reich einen erneuten Aufschwung erfahren habe und das Goldschmiedehandwerk „auf verschiedene Weise unterstützt“6 worden sei. Friedrich Byl wurde zum Obmann der im Dritten Reich gegründeten Goldschmiedeinnung für Ostfriesland.

Seit dem erzwungenen Boykott jüdischer Geschäfte 1933 gerieten die betroffenen Gewerbetreibenden in Leer wie auch anderenorts in zunehmende wirtschaftliche Not. Etwa 35 jüdische Einwohner verließen die Stadt Leer bereits in den Jahren 1933 und 1934, um im Ausland oder in deutschen Großstädten vor den Repressalien und Erniedrigungen der Nationalsozialisten Zuflucht zu suchen.7 War das fragliche Silberarmband zur Sicherung der Existenz oder zur Finanzierung einer frühen Ausreise in Ostfriesland veräußert worden? Der Verdacht eines NS-verfolgungsbedingten Hintergrundes ist im Falle dieses Schmuckstücks durchaus naheliegend.

Im Nachlass von Bernhard Winter sind insgesamt drei Silberarmbänder bekannt: Es handelt sich um:
⦁ eine zeitgenössische Arbeit aus selbiger Werkstatt Byl mit der Firmenmarke um 1930; für eine „Ablieferung“ kommt es daher nicht in Betracht
⦁ ein viersträngiges Armband, das im Bestand derzeit nicht identifiziert werden kann
⦁ ein sechssträngiges Armband mit Kastenschloss und bekrönter Filigranauflage, das im Bestand nachgewiesen ist
Die beiden letztgenannten Schmuckstücke kommen grundsätzlich als das gesuchte Objekt infrage. Bei dem im Bestand nachgewiesenen Armband handelt es sich um ein Exemplar aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Martha Winter trägt es auf alten Fotos der 40er Jahre. Aufgrund seiner Gestaltungsmerkmale stammt es ursprünglich höchstwahrscheinlich aus dem Raum Niederelbe.8 Tatsächlich haben einige jüdische Familien, die bis 1934 Leer verlassen haben, familiäre Wurzeln in Hamburg, also im niederelbischen Raum.9 Andererseits finden sich ein ebenso aussehendes und zusätzlich ein vergleichbares Armband bereits in Winters vielfigurigem Trachtengemälde „Bauerntanz aus alter Zeit“ von 1904, in dessen engen regional verstandenen Kontext sie eigentlich nicht passen. Dennoch spricht dieser Umstand dafür, dass es sich bei dem später in Leer erworbenen Stück vermutlich um ein anderes Armband gehandelt hat. Nach heutigem Kenntnisstand kann die Objektidentität des besagten Silberarmbands innerhalb der Sammlung daher nicht sicher bestimmt werden.

Weiterführende Recherchen zur Geschichte der ostfriesischen Traditionsfirma Byl erwiesen sich als schwierig. Insbesondere konnte ein Verbleib der Geschäftsunterlagen bisher nicht ermittelt werden. Noch offen bleibt daher auch die Frage, ob die Gold- und Silberschmiede der Gebrüder Byl möglicherweise eine frühe Anlaufstelle für die Verwertung von jüdischem Schmuck und Silber war.

Ein „zurückbehaltener“ Stockschirm

Der zweite Verdachtsfall führt unmittelbar zu dem Themenkomplex „Hollandgut“, bekannter unter dem Begriff „Hollandmöbel“, auch wenn es keineswegs ausschließlich um Möbel ging, sondern um Haushaltsgüter vielerlei Art.10 Am 25.10.1942 notiert Martha Winter, dass ihr Ehemann seinen Schirm verloren habe: „Er besprach sich mit Herrn Wächter Rastede, er, als Kaufmann konnte uns helfen, er hatte einen Stockschirm (den er für 12 M Bernhard überließ) mal zurückbehalten. Es ist […] Gold ein[en] Herrenschirm zu haben. Es fehlt an Stoffen u. Herstellern. Alles erfordert der Krieg […].“ Aus dem Schriftverkehr des Kreises Ammerland im Auftrag der Militärregierung ist ersichtlich, dass das Kaufhaus Wächter in Rastede in den einschlägigen Kriegsjahren 1942 bis 1944 einer der Orte war, an dem das „Hollandgut“ zur Verteilung kam.11 Es ist daher anzunehmen, dass der besagte Stockschirm, welchen der Textilhändler Wächter „zurückbehalten“ hatte, aus den nationalsozialistischen Raubgutbeständen der M-Aktion stammte, die in annähernd 6000 Waggons aus den besetzen Ländern über die Hollandroute in den Gau Weser-Ems transportiert und dort an Begünstigte wie auch an die übrige Bevölkerung abgegeben wurden. In Bernhard Winters Nachlass, der ursprünglich auch vielerlei alltäglichen Hausrat umfasste, konnte der in Rastede erworbene Stockschirm bisher jedoch nicht identifiziert werden.

Tagebuchaufzeichungen Aus den Tagebuchaufzeichnungen von Martha Winter im Jahr 1942.
(Nachlass Bernhard Winter. Stadtmuseum Oldenburg).

Ein eigenes Bild kehrt nach Oldenburg zurück

Eine ganz andere, dritte Spur führt über die Tagebuchnotizen von Martha Winter unerwartet in die Sammlung des Landesmuseums Oldenburg und zu einem Hauptwerk des Künstlers Bernhard Winter selbst: Im Fall des eigenen Gemäldes „Die Webstube“ kann von einem dringenderen Verdacht gesprochen werden. Als preisgekröntes und frühes Genremotiv von Bernhard Winter war es 1898 auf der Großen Berliner Kunstausstellung für einen Preis von 2500 Mark erfolgreich an den Berliner Zahnarzt, Dr. Sylvester verkauft worden. Im November 1933 wurde es in der Bremer Kunsthalle ausgestellt. Spätestens im Februar 1934 kam es zum Verkauf zurück nach Oldenburg. Martha Winter notiert: „Unverhofft kam das Bild ‚Die Webstube‘ aus dem jüdischen Besitz Dr. Goldmann, Berlin (der nach Paris verzogen war) nach hier zu dessen Verwandten Berg-Steintahl [richtig: Steinthal, Anm. d. Verf.]. Da wir die Preishöhe […]ten, ersuchte Bernhard die Stadt, es aufzukaufen u. sie erhielt es für den billigen Preis 400 M. Es hätte bei uns noch etliche Käufer gehabt, aber es ist so besser aufgehoben.“

Tagebuchnotizen Aus den Tagebuchnotizen von Martha Winter zu den Ereignissen des Jahres 1934.
(Nachlass Bernhard Winter. Stadtmuseum Oldenburg).

Die Entdeckung dieser Notiz hat eine enge Kooperation mit dem Provenienzforscher Dr. Marcus Kenzler am Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg begründet, da das betreffende Werk sich nicht in der hauseigenen Sammlung befindet, sondern im Gemäldebestand des Landesmuseums. Bei der Erforschung einer lückenlosen Provenienz des Gemäldes konnten im schriftlichen Nachlass von Bernhard Winter am Stadtmuseum Oldenburg weitere wichtige Dokumente gefunden, ausgewertet und dem Landesmuseum verfügbar gemacht werden. Darunter befindet sich ein Brief des Berliner Kunsthändlers Eduard Schulte aus dem Jahr 1905. Ein früher Eigentümerwechsel wird hierin aufgeklärt: Nach dem Tode des Berliner Erstbesitzers, Dr. Sylvester, sei das Gemälde über eine Auktion in das Eigentum des praktischen Arztes Dr. Jac. Goldmann, Berlin, Joachimsthalerstraße 10, gekommen. Die Namen beider Erwerber hat Bernhard Winter in seinem Malerhauptbuch schriftlich festgehalten. Nach der Ausstellungsbeteiligung in Bremen im November 1933 wurde das Bild im Februar 1934 vom Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte für eine Summe von 500 Reichsmark angekauft. Als Verkäuferin ist im Inventar des Museums die Oldenburgerin Cäcilie Steinthal eingetragen. Deren Tochter Betty Berg, geborene Steinthal, so lassen die Notizen von Martha Winter vermuten, hatte den entscheidenden Kontakt zum Urheber des Gemäldes hergestellt. Bettys Ehemann, Alfred Berg, war Mitinhaber der familiengeführten Lederhandlung Louis Steinthal in der Achternstraße 56/57 in der Oldenburger Innenstadt. Cäcilie Steinthal und deren Tochter Betty samt Ehemann und Kindern gelang in den Jahren 1936 und 1937 die Flucht vor dem Naziterror durch ihre Ausreise nach Johannesburg (Südafrika). Alfred Berg verstarb dort jedoch bereits im Jahr seiner Flucht.12

Betty Berg Betty Berg, geb. Steinthal.
(Bildarchiv Stadtmuseum Oldenburg, ex Slg. Friederichsen).

Abgesehen von der bisher noch ungeklärten Frage, wer im Jahr 1934 der letzte rechtmäßige Eigentümer des Gemäldes war, sind auch die Identität und der letzte Aufenthaltsort des jüdischen Arztes Dr. med. Jac. Goldmann noch zu ermitteln. Mit der systematischen Personensuche in den diesbezüglich relevanten Datenbanken, Publikationen und überregionalen Archiven konnte die Provenienzforschung am Stadtmuseum Oldenburg auch hierin einen wichtigen kooperativen Beitrag leisten. Die gewonnenen Daten und der betreffende Schriftverkehr wurden für die weiterführenden Recherchen an das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg übermittelt. Dort werden alle erdenklichen Spuren, die mehr Licht in die Erwerbungsgeschichte dieses Gemäldes zu bringen versprechen, konsequent weiterverfolgt. Schon jetzt kann dieser komplexe Fall als ein Zwischenerfolg für die Provenienzforschung in Oldenburg gewertet werden. Einmal mehr führt er vor Augen, wie wichtig eine bestmögliche Vernetzung aller beteiligten Institutionen für die Fortschritte bei der systematischen Suche nach NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut ist.

Anmerkungen

  1. NS-Gauleiter Weser-Ems bis Mai 1942. Sein Nachfolger wurde Paul Wegener. 

  2. Wilhelm Gilly, Oldenburger Stadtmuseum. Führer durch die Städtischen Kunstsammlungen, Oldenburg 1977, S. 31. 

  3. Vgl. den Katalog der Herbstausstellung in der Kunsthandlung von Fritz Gurlitt, Berlin 1882, S. 2. Die Kunsthandlung wurde später und bis 1943 von Wolfgang Gurlitt, Cousin von Hildebrand Gurlitt, geführt. 

  4. Hermann Kaiser, Zur Geschichte der Gold- und Silberschmiede Byl/Leer, in: Bernward Deneke, Volkstümlicher Schmuck aus Nordwestdeutschland, Cloppenburg 1977, S. 129f. 

  5. Jürgen Byl, Byl [Fam.]. Gold- und Silberschmiede, in: Biographisches Lexikon für Ostfriesland I, Aurich 1993, S. 69-71. 

  6. Ebd., S. 70. 

  7. Namen und Zielorte derjenigen jüdischen Bürger, die in den Jahren 1933 und 1934 aus Leer verzogen sind, gehen aus einer auszugsweisen Aufstellung aus dem Stadtarchiv Leer hervor. 

  8. Freundliche Information von Horst Arians, Experte für ostfriesisches Kleinsilber. Vgl. Inge Behrmann (Bearb.), Volkstümlicher Schmuck. Kataloge des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg, Bd. VII, Hamburg 1985, S. 208-210. 

  9. Ermittelt aus einer freundlich zur Verfügung gestellten, auszugsweisen Übersicht aus dem Stadtarchiv Leer über die Geburten und Aufenthalte jüdischer Einwohner der Stadt Leer. 

  10. Für das Oldenburger Land führt ein Aufsatz von Margarethe Rosenboom-Plate in diese Thematik ein: Hollandmöbel – Auslandsmöbel – Judenmöbel, in: Oldenburger Jahrbuch 103, 2003, S. 169-176. 

  11. Ebd, S. 173f. und Fn. 37. Der Name Wächter ist hier irrtümlich in falscher Schreibweise wiedergegeben. Der mittlerweile aktualisierte Quellennachweis lautet: NLA OL, Dep 20 AM, Best. 231-2 A Nr. 98 (20.09.1946). 

  12. Jörg Paulsen, Erinnerungsbuch. Ein Verzeichnis der von der nationalsozialistischen Judenverfolgung betroffenen Einwohner der Stadt Oldenburg 1933-1945, Bremen 2001, S. 64.