Wilhelmine Siefkes

Wilhelmine Siefkes: Erinnerungen. 2. Aufl. Leer 1997, S. 147f.

„Es war uns allen bewußt, daß der Aufenthalt bei unserer Gastgeberin nur vorübergehnd sein konnte, und wir bemühten uns, wieder ein Obdach zu finden. Doch wo gab es leere Wohnungen? Nach einigen Wochen hatten wir Glück: das Wohnungsamt beschlagnahmte mehrere Räume in zwei nebeneinander liegenden Häusern in der Fabriciusstraße. Zufällig wohnte in jedem Haus nur eine alleinstehende Frau, und so wurden Loquards bei der Witwe H. eingewiesen und Thelemann und ich nebenan bei einer alten Frau, die, wie man uns sagte, ein wenig wunderlich sei. Natürlich waren die Eigentümerinnen alles andere als entzückt über diese Einquartierung. Wir waren jedoch froh, soviel Raum zugewiesen zu bekommen. Unten hatten wir ein gemeinsames Wohnzimmer mit kleiner Küche daneben, und oben war außer einem kleinen Schlafraum für mich noch nach hinten heraus ein geräumiger Boden, auf dem Thelemann sich eine Schlafstätte zurechtzimmerte. So konnten wir Ende April einziehen – wenn wir nur die nötigen Möbel gehabt hätten. Das machte sich die Behörde jedoch leicht. Wir erhielten ein Schreiben und wurden aufgefordert, in der Viehhalle aus dem dortigen Möbellager das Notwendige kostenlos auszusuchen. Ein Möbellager in der Viehhalle? Bald wurden wir aufgeklärt. Dorthin hatte man das Eigentum von aus Holland verschleppten Juden gebracht, ganze Wohnungseinrichtungen, prachtvolle Möbel aus reichen Häusern, Teppiche, Gardinen – wir schauderten als wir das hörten! Das konnte man uns anbieten?!”