Provenienzforschung am Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg - Einblicke und Ausblicke

Marcus Kenzler

Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg

Seit Anfang des Jahres 2011 werden die vielfältigen Sammlungen des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg systematisch auf ihre Herkunft und die Erwerbungszusammenhänge überprüft.

Der im Vorjahr ans Museum berufene Direktor Rainer Stamm hatte bei seinem Amtsantritt in Oldenburg die Etablierung der Provenienzforschung als eine der drei Säulen seines Reformpakets definiert und sorgte bald darauf für ihre zügige Umsetzung. Das vor ein paar Jahren noch wenig bekannte Forschungsfeld, das erst mit der kontroversen Debatte um den beispiellosen „Schwabinger Kunstfund“ Bekanntheit erlangte, war bislang vornehmlich im Feuilleton der großen Tageszeitungen diskutiert und mit den prominenten Museen des Landes wie den Pinakotheken in München oder der Hamburger Kunsthalle in Verbindung gebracht worden. Daher sorgte die Provenienzforschung in Oldenburg trotz spürbaren Interesses und Wohlwollens bisweilen auch für Verwunderung: „Sehr gut“, sagten viele, „dass sich diesem wichtigen Thema endlich einmal gewidmet wird. Aber hier in Oldenburg? Hier wird man nichts finden, hier war doch nichts los!“ Dass die Provenienzforschung kein Exklusivthema großer Museen der bundesdeutschen Metropolen ist, sondern ganz im Gegenteil auf die Breite der deutschen Museen und öffentlichen Sammlungen zielt, zeigte sich auch in Oldenburg. Und mehr noch: Die Relevanz des grenznahen Nordwestens im Rahmen der sogenannten „M-Aktion“, also der systematischen „Verwertung“ des sogenannten „Hollandguts“, rückte Oldenburg als ehemalige Hauptstadt des „Nordsee-Gaus“ Weser-Ems in den Mittelpunkt der Suche nach „Hollandmöbeln“.

Die vielfältige Sammlungsstruktur des Landesmuseums, das als klassisches Mehrsparten-Haus sowohl regionales als auch überregionales Kunst- und Kulturgut aus mehreren Jahrhunderten bewahrt, stellt eine ganz besondere Herausforderung für die Provenienzforschung dar. Neben Gemälden, Grafiken und Skulpturen müssen auch Möbelstücke, Fayencen, Porzellan- und Silberbestände, Haushaltgeräte, Stoffe und sogar Fliesenkonvolute auf ihre Herkunft untersucht werden. Von den über 30.000 Sammlungsstücken, die sich in den Beständen des Hauses befinden, sind rund 20.300 Exponate auf den Prüfstand zu stellen, da sie ab 1933 erworben und vor 1945 gefertigt wurden und ihre Herkunft zumeist unbekannt ist. Die bisherigen Recherchen belegen, dass alle Sammlungsbereiche des Landesmuseums für die Provenienzforschung gleich relevant sind, da in sämtlichen Beständen Identifikationen von Raubgut oder Rekonstruktionen von verdächtigen Provenienzketten erfolgen konnten. Wiederholt kam es dabei zu unvorhergesehenen Entwicklungen innerhalb der Fallrecherchen. So konnte beispielsweise das wertvolle „Stillleben mit Reiterfigur“ von Emil Nolde, das einst dem bekannten jüdischen Kunstsammler Alfred Hess gehörte, bereits 2012 als „unbedenklich“ entlastet werden, während eine niederländische Fliese ohne nennenswerten finanziellen Wert als Zwangsverkauf identifiziert und neben einem katalanischen Albarello 2014 an die Erben eines niederländischen Kunst- und Antiquitätenhändlers restituiert wurde. Diese Beispiele verdeutlichen, dass sogenannte Wertgrenzen nicht den Maßstab für Provenienzforschung bilden sollten, da es im Kern nicht um die Frage geht, ob ein museales Werk oder Objekt den Aufwand „wert“ ist. Entscheidend sind vielmehr das dahinterstehende menschliche Schicksal und das begangene Unrecht, das die Erwerbung des Werkes bzw. Objektes erst ermöglichte. Es würde der Intention der Provenienzforschung und dem Geist der „Washingtoner Grundsätze“ widersprechen, lediglich die wertvollsten Exponate einer Sammlung auf ihre Eigentumssicherheit zu untersuchen, während weniger wertvolle Stücke mit ungeklärter Provenienz unbeachtet bleiben.

Magazinraum Magazinraum des Landesmuseums Oldenburg (© Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg; Foto: Sven Adelaide).

Die Frage nach der Herkunft von Kunst- und Kulturgütern geht mit dem Anspruch einher, Provenienzketten lückenlos aufzuarbeiten, damit eine fundierte und durch Quellen verifizierbare Sachlage eine Einschätzung der Eigentumssicherheit und ein weiteres Vorgehen ermöglicht. Die detaillierte Rekonstruktion von Besitzerwechseln und damit verbundenen Erwerbungsvorgängen stellt sich in den meisten Fällen aber als schwierig dar, insbesondere, wenn die entsprechenden Ereignisse viele Jahrzehnte zurückliegen. Erste Anhaltspunkte zur Bestandsprüfung der Sammlungen bietet die Inventardokumentation eines Museums, die in der Regel in Form von Eingangsbüchern, einer Inventarkartei und/oder einer digitalen Datenbank vorzufinden ist. Nur selten reichen die hier recherchierbaren Inventarisierungsangaben aus, um ein detailliertes und vor allem lückenloses Bild der Herkunft nachzeichnen zu können, zumal meistens nur der unmittelbare Erwerbungsvorgang und nicht eine darüber hinausreichende Provenienz dokumentiert ist. Soweit ein Museum über eigene Korrespondenz- und Ankaufsakten verfügt, können diese weiterführende Informationen enthalten, allerdings besitzen die wenigsten Museen ein Hausarchiv bzw. einen gut erhaltenen und erschlossenen Archivbestand. Das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg bietet in diesem Zusammenhang optimale Bedingungen für die Provenienzforschung, da es ein systematisch erschlossenes Altaktenarchiv besitzt, das einen Anspruch auf Vollständigkeit hegt. Als Residenz- und Verwaltungsstadt ohne nennenswerte kriegswichtige Industrie blieb Oldenburg durch die alliierten Luftangriffe während des Zweiten Weltkriegs weitgehend verschont, so dass im Vergleich zu anderen Städten nur geringe Schäden entstanden. Auch das Oldenburger Schloss, das seit 1921 das Landesmuseum beheimatet, erlitt kaum beachtenswerte Beschädigungen, die Korrespondenz und sämtliche Dokumente blieben insofern erhalten. Mit dem Leitungswechsel 2010 gelang der Aufbau eines systematisch angelegten Altaktenarchivs, das strengen konservatorischen Ansprüchen genügt und gezielte Recherchen ermöglicht. Neben diesen Hausakten beherbergt das Landesmuseum auch das Archiv der 1922 in Oldenburg gegründeten „Vereinigung für junge Kunst“, zudem gelangten 1991 der schriftliche Nachlass und die Bibliothek des Gründungsdirektors Walter Müller-Wulckow als Vermächtnis seiner Witwe Anna Maria Müller-Falke an das Landesmuseum Oldenburg. Mit dem Niedersächsischen Landesarchiv in Oldenburg konnte vereinbart werden, dass die Bestände im Museum verbleiben, aber über das Archivinformationssystem des Niedersächsischen Landesarchivs „Arcinsys“ recherchierbar sind, damit sie auch außerhalb der Museumsmauern wahrgenommen werden können. Die nahezu vollständige Erhaltung des Archivbestandes und die Möglichkeit der hausinternen Nutzung ermöglichen der Provenienzforschung effektive und rasche Recherchen, die ein Ausweichen auf externe Archivbestände seltener erforderlich macht als an vielen anderen Museumsstandorten.

Altaktenarchiv Altaktenarchiv Landesmuseum Oldenburg (© Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Foto: Marcus Kenzler).

Die bisherigen Forschungen am Landesmuseum Oldenburg konzentrierten sich in erster Linie auf die Gemälde- und Skulptureneingänge der Erwerbungsjahre 1945 bis 1966, auf das für den gesamten Nordwesten wichtige Thema der „Hollandmöbel“, deren Existenz auch in den Sammlungen des Landesmuseums vermutet wird, und auf die beeindruckende „Grafiksammlung Friedrich und Gertrud Lieber“ aus Leipzig, die im Verlauf der 1960er Jahre erworben worden war und der Grafischen Sammlung des Landesmuseums hochkarätige Blätter der klassischen Moderne von Munch, Kollwitz, Liebermann, Slevogt, Klinger und anderen bescherte. Die sogenannten „Kernjahre“, also der Erwerbungszeitraum von 1933 bis 1945, konnten im ersten Forschungsjahr durch Mittel des Landes Niedersachsen lediglich gesichtet und auf besonders auffällige Provenienzen untersucht werden. Die daran anschließende vierjährige Forschungsförderung durch den Bund bzw. die Staatsministerin für Kultur und Medien (Arbeitsstelle für Provenienzforschung, Berlin / Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, Magdeburg), die im September dieses Jahres ausläuft, erforderte das Formulieren von neuen Forschungsfragen im Zusammenhang mit bis dato unbearbeiteten Werk- und Objektgruppen. Daher konnten bislang nur besonders akute Fälle aus dem Erwerbungszeitraum 1933 bis 1945 erforscht werden, eine gründliche Bearbeitung dieser ausschlaggebenden Jahre steht also noch aus. Die Voraussetzung für eine konsequente Fortführung der Forschungen wurde nun durch das Land Niedersachsen geschaffen, das die Provenienzforschung am Landesmuseum Oldenburg zum 1. Oktober 2016 verstetigt. „Die feste Stelle wird jeweils zur Hälfte von unserem Haus und vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur finanziert“, betont Direktor Rainer Stamm und hebt hervor: „Das ist etwas Besonderes, denn bislang gibt es in ganz Niedersachsen nur eine feste Stelle für Provenienzforschung am Landesmuseum Hannover. Marcus Kenzler wird die zweite unbefristete Stelle in unserem Haus bekleiden.“1

Archivalien Archivalien am Landesmuseum Oldenburg (© Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Foto: Marcus Kenzler).

Bis heute konnten zahlreiche Werke und Objekte als dringende Verdachtsfälle identifiziert werden; zwei Objekte aus dem Bestand der kunstgewerblichen Sammlung waren bereits 2014 Gegenstand eines Restitutionsverfahrens und konnten an die Erben eines jüdischen Kunst- und Antiquitätenhändlers aus Amsterdam zurückgegeben werden. Es handelte sich hierbei um den bereits erwähnten katalanischen Albarello – ein keramisches Apothekergefäß für Arzneimittel aus dem späten 18. Jahrhundert – und die niederländische Fliese aus dem 16. Jahrhundert, die das Landesmuseum Oldenburg 1942/43 bei Mozes Mogrobi in Amsterdam erworben hatte. Obgleich sich der damalige Museumsdirektor Walter Müller-Wulckow und Mogrobi bereits seit den frühen 1920er Jahren kannten und ein vergleichsweise hoher Ankaufspreis gezahlt wurde, mussten die beiden kunstgewerblichen Objekte als Zwangsverkäufe eingestuft werden. Der auf Fayencen spezialisierte jüdische Händler war von der Verfolgung durch die deutschen Besatzer unmittelbar betroffen, die Leitung seiner Kunsthandlung war ab März 1941 dem deutschstämmigen Verwalter Jaques Janssen übergeben worden und er konnte nicht mehr über die Einkünfte seines Geschäfts verfügen. Nachdem die Entscheidung zur Restitution getroffen war, gestaltete sich die Suche nach erbberechtigten Nachkommen Mogrobis relativ einfach: Auf Empfehlung des Niederländischen Restitutionskomitees waren bereits im Februar 2007 insgesamt 14 Objekte aus dem ehemaligen Verkaufsbestand Mogrobis an die in Amsterdam lebenden Erben restituiert worden. Das Restitutionskomitee stellte nun auch den Kontakt zwischen dem Landesmuseum und den Mogrobi-Erben her und machte damit Familienforschung überflüssig. Ganz anders stellte sich die Sachlage im Fall einer Wasch-Kommode aus dem Jahr 1790 dar, die am 21. März 1940 in die Sammlungen des Landesmuseums eingegangen war und einwandfrei als Raubgut, das auf einer sogenannten „Judenauktion“ erworben worden war, identifiziert werden konnte. Während also der Nachweis des verfolgungsbedingten Entzuges bereits vor Jahren verhältnismäßig schnell erbracht werden konnte, gestaltet sich die Suche nach den Nachfahren der Vorbesitzerin Rosalie Israels bis heute schwierig. Nachweislich haben wenige Mitglieder der einstigen Großfamilie aus Weener den Zweiten Weltkrieg überlebt, die Spuren verlieren sich aber in Jerusalem, Hollywood und New York. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, lebende Nachfahren ausfindig zu machen, äußerst gering ist, wird die Suche fortgesetzt.

Albarello Albarello, Inv. Nr. 10.610 (© Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Foto: Sven Adelaide).

Waschkommode Waschkommode, Inv. Nr. 6.822 (© Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Foto: Sven Adelaide).

Die Provenienzforschung, die 2011 als Kuriosum nach Oldenburg kam, ist mittlerweile ein integraler Bestandteil regionaler (Museums-)forschung. Am Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte zählt sie zu den Säulen musealer Arbeit und kann nun im Organigramm fest verankert werden. Seit drei Jahren besteht eine Kooperation zwischen dem Landesmuseum und der Carl von Ossietzky Universität, die es Masterstudierenden der Fakultät III ermöglicht, durch Seminar- und Übungsveranstaltungen Theorie und Praxis der Provenienzforschung kennenzulernen. Künftig wird es ein eigenständiges Modul geben, das für alle Studierenden des Masterstudienganges „Museum und Ausstellung“ verpflichtend ist. Und mit dem Stadtmuseum Oldenburg, das nun auch mit der Überprüfung seiner Bestände begonnen hat, rief das Landesmuseum eine kooperative Sammlung ins Leben, die außerhalb der Sammlungsstruktur beider Häuser angelegt ist und als treuhänderischer Verwahrungsraum für potentielles NS-Raubgut aus Privatbesitz fungiert.

Die Provenienzforschung in Oldenburg ist ein Erfolgsmodell, das insbesondere durch die vielschichtigen Kooperationen von Museen, Archiven, Bibliotheken und der Universität überregional wahrgenommen wird. Die Einbettung der Oldenburger Forschungen in das „Netzwerk Provenienzforschung in Niedersachsen“ garantiert zudem einen landesweiten Austausch und ein systematisiertes und koordiniertes Vorgehen. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Zahl regionaler und überregionaler Kooperationsprojekte künftig noch deutlich erhöht, denn es geht um die Wahrnehmung einer aus der Geschichte resultierten Verantwortung und das Bestreben, das in der Zeit des Nationalsozialismus begangene Unrecht aufzuarbeiten und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Archivalien Archivalien am Landesmuseum Oldenburg (© Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Foto: Marcus Kenzler).

  1. Katrin Zempel-Bley: „Provenienzforschung wird etabliert. Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte kann wertvolle Arbeit fortsetzen“, in: Kulturland Oldenburg, Ausgabe 2.2016, Nr. 168, Oldenburgische Landschaft, 2016, S. 46.