Margarete Rosenbohm-Plate, Oldenburg

Der hier vorgelegte Beitrag ist eine Ergänzung der Arbeiten von Wolfgang Dreßen (1998),1 der Autorin (2003),2 Götz Aly (2005)3 und Johannes Beermann (2014)4 zur „Verwertung“ von Möbeln und Haushaltsgut jüdischer Wohnungen aus den im Krieg besetzten Gebieten der Beneluxstaaten. Vorgestellt wird eine Recherche im Anzeigenteil der Bremer Nachrichten
von Dezember 1942 bis Dezember 1943, die ein Licht auf die „M-Aktion“, den Verkauf von „Judenmöbeln“, und die Versteigerung von Lifts emigrierter Juden wirft.

Die „M-Aktion“

Offiziell sprach man von der „M-Aktion“ und im Bereich Weser-Ems von „Hollandmöbeln“, weil die Lieferungen meistens aus Wohnungen holländischer Juden stammten, aber jeder
wusste, dass es sich um „Judenmöbel“ handelte. Die „M-Aktion“ war Teil der von der Partei versprochenen Entschädigung für Bombengeschädigte. Im März 1942 war unter der Leitung
von Alfred Rosenberg, Minister für die Zivilverwaltung der Ostgebiete, die „Dienststelle Westen“ geschaffen worden, die für die Erfassung und Verteilung des beschlagnahmten
jüdischen Eigentums zuständig war. Dabei handelte es sich nicht nur um Möbel, sondern auch um andere Haushaltsgegenstände. Im „Gesamtleistungsbericht per 31.7.1944“ dieser Dienststelle5 fällt die übermäßig hohe Zahl von 5.988 Eisenbahnwaggons für den Gau Weser-Ems auf, davon allein 3.173 Waggons für die Stadt Delmenhorst. Nach Bremen kamen 134
Waggons, Wilhelmshaven erhielt 441, Osnabrück 1233, Oldenburg 884. Die Verteilung im Gau Weser-Ems wurde im offiziellen Schriftverkehr und in Anzeigen als „Gauleiteraktion“ des Gauleiters Paul Wegener bezeichnet.6

Das Wirtschaftsamt als ausführende Dienststelle

Heute würde wohl keine amtliche Stelle Anzeigen für „gebrauchtes Haushaltsgut“ schalten, aber aber als 1943 Bremer Industrieanlagen fast täglich bombardiert und viele Bremer Wohnungen zerstört wurden, schuf die Gauleitung mit Waggons und Kähnen voller geraubter Haushaltsgüter für die „Fliegergeschädigten“ eine Einkaufsmöglichkeit, wie diese
Anzeige in den Bremer Nachrichten vom 20. Januar 1943 zeigt:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Wirtschaftsamt wurde wie das Ernährungsamt bei Kriegsbeginn eingerichtet. Seine Zentrale war im Bahnhofshotel und stand unter der Leitung von Reg. Rat Walther Mayer. Die Aufgabe des Wirtschaftsamtes bestand in der Verwaltung der knappen Versorgungsgüter. Es gab zahlreiche Außenstellen, u.a. Abteilungen für Kohlen, Bekleidung, Treibstoffe und die Verwertung des „gebrauchten Haushaltsguts“. 1943 beschäftigte das Wirtschaftsamt 583 Personen.7 Für den Erwerb benötigten die Käufer u.a. Bedarfsbescheinigung, Bezugsschein, Fliegerschaden-Bescheinigung oder Zuweisungsschein.8

Zur Verteilung der „Hollandmöbel“ in der Hansestadt

Schon im Dezember 1942 war eine Schiffsladung mit Einrichtungs- und Haushaltsgegenständen niederländischer Juden im Hafen eingetroffen,9 der erste Verkauf fand jedoch erst am 21. Januar 1943 statt. Es wird eine Zeit gedauert haben, bis die Ladung auf geeignete Verkaufsstellen verteilt und genügend Verkaufspersonal gefunden war.10 Für den Verkauf wurden Verkaufsstellen eingerichtet, jedoch mit unterschiedlicher Aktivität von einmaliger Verkaufsaktion bis zu täglichen Öffnungszeiten. Vom 20. Januar bis zum 11. August 1943 erschienen 66 Anzeigen in den Amtlichen Bekanntmachungen der Bremer Nachrichten, die belegen, wo das Raubgut verkauft wurde.

Im Stadtinneren

– in den Lagerräumen, Auf den Häfen 76 (24 Anzeigen) – in der Turnhalle, Auf den Häfen 6611 (4 Anzeigen) – im Gemeindesaal im Hinterhaus der Kohlhökerstraße 25 (22 Anzeigen)

Am Stadtrand

– in der Wandplattenfabrik Bremen-Grohn (11 Anzeigen) – in der Gaststätte des Weserstadions (1 Anzeige) – in der Stadthalle Bremen-Blumental (1 Anzeige) – im Lager Bremen-Hemelingen, Poststraße 14 (1 Anzeige) – im „Haus der Arbeit“ Bremen-Aumund (1 Anzeige)

In Bremen-Hemelingen befand sich im Kino Lüers´ Tivoli ein Lager für „gebrauchtes Haushaltsgut“, das ab dem 3.Februar 1943 täglich geöffnet war.

 

Bezugsmöglichkeiten von „Hollandmöbeln“

Im Januar konnten nur Bremer mit Fliegerschadenbescheinigung und Zuweisungsschein das „gebrauchte Haushaltsgut“ kaufen. Ab 8. Februar hieß es schon, Inhaber von solchen Bescheinigungen würden „bevorzugt“. Am 1. März galten grüne und weiße Karten und am 4. März Nummern. Ab 30. März waren für eine bis zwei Stunden nur Bombengeschädigte und Schwerkriegsbeschädigte zugelassen, anschließend Inhaber von Bedarfsdeckungs- und Zuweisungsscheinen, schließlich fand ein „Freiverkauf“ statt. Hier sieht man, wie schnell sich
die Beschränkungen lockerten. Gebrauchte Oberbetten, Unterbetten und Kopfkissen, Bettstücke, Steppdecken, Matratzen, Linoleumstücke, Papierläufer, etwas Geschirr wurden
am 9. und 12. April, am 3. Juni und 8. Juli an „jedermann“ verkauft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Verkaufserlös der Wirtschaftsämter des Gaus Weser-Ems wurde an das Landeswirtschaftsamt Bremen überwiesen und von dort an die Gauleitung weitergeleitet.12 Am 20. September 1945 schrieb der von der Militärbehörde eingesetzte Leiter dieser Behörde, Dr. Korhammer, an die „früheren Wirtschaftsämter im Gau Weser-Ems“:

„…Wie ich festgestellt habe, werden von verschiedenen Wirtschaftsämtern noch Beträge aus der sog. „Holland-Möbel-Aktion“ geschuldet. Eine endgültige Abrechnung von hieraus ist nicht möglich, weil sämtliche Akten auf Weisung des früheren Leiters des LWA vernichtet worden sind. Ich bitte, mir daher baldigst eine Abschrift Ihrer Abrechnung zu übersenden…“13

Versteigerungsanzeigen der Lifts emigrierter Juden

Beim Blick in den Anzeigenteil der Bremer Nachrichten des Jahres 1943 fallen nicht nur die Verkaufsanzeigen von „Gebrauchtem Haushaltsgut“ auf, sondern auch Versteigerungsanzeigen der Lifts emigrierter Juden aus dem damaligen Deutschen Reich. Bisher wurden Versteigerungen von jüdischem Umzugsgut in einem zeitlichen Rahmen bis Dezember 1942 beschrieben.14 Die Anzeigen in den Bremer Nachrichten dokumentieren jedoch im Jahr 1943 noch 46 Versteigerungen von „Auswanderungsumzugsgut“, „Auswanderergut“, „Umzugsgut“ oder „Ausbürgerungssachen“:

– Versteigerungslokal Königstraße 11:
18 Versteigerungen vom 15. Januar bis zum 9. Juli 1943
Gerichtsvollzieher: Nustede, Rosenbusch, Hünecke, Boeder

– Auktionslokal der Fa. Friedrich Bohne, Friesenstraße 20/21:
Vier Versteigerungen vom 26. Januar bis zum 30. Juni
Christian Brauer, vereidigter u. öffentl. bestellter Versteigerer, Schätzer u. Sachverständiger

– Turnhalle Auf den Häfen 66:
24 Versteigerungen vom 28.Dezember 1942 bis zum 22. Juni 1943
Gerichtsvollzieher: Boeder, Rosenbusch, Hünecke, Rötsch (zweimal)
Bei den Versteigerungsorten handelte es sich um bekannte Auktionslokale und um eine Turnhalle. Die Versteigerungen wurden ausschließlich von amtlich zugelassenen Versteigerern und Gerichtsvollziehern „im Auftrage des Herrn Oberfinanzpräsidenten Weser-Ems“ angekündigt und durchgeführt.

Die Vernichtung amtlicher Unterlagen, bzw. von Unterlagen der Parteiorganisationen ist ein wesentliches Hemmnis bei der Aufarbeitung des Themas der „Judenmöbel“. Man kann sich
nur noch auf sehr eingeschränkten Wegen der Vergangenheit nähern, wie hier über die Auswertung von Zeitungsanzeigen geschehen. Sie sind eine objektive Quelle.

 

Anmerkungen

1 Wolfgang Dreßen, Betrifft: „Aktion 3“. Deutsche verwerten jüdische Nachbarn, Berlin 1998, S. 45 – 61.

2 Margarete Rosenbohm-Plate, Hollandmöbel – Auslandsmöbel – Judenmöbel, in: Old. Jb. 103, 2003, S. 169 – 176.

3 Götz Aly, Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt am Main 2005, S. 139 – 150.

4 Johannes Beermann, Die Verwertung von Mobilien aus ehemals jüdischem Besitz im Rahmen der „M-Aktion“ von Dezember 1942 bis August 1944, in: Mehr als bloß Dienstleister: Die Mitwirkung von Spediteuren und Gerichtsvollziehern an der wirtschaftlichen Existenzvernichtung der europäischen Juden am Beispiel der Freien Hansestadt Bremen zwischen 1938 und 1945, in: Jaromir Balcar (Hg.), Raub von Amts wegen. Zur Rolle von Verwaltung, Wirtschaft und Öffentlichkeit bei der Enteignung und Entschädigung der Juden in Bremen, Bremen 2014, S. 199 – 207.

5 Dreßen, (wie Anm. 1), S. 51ff.

6 NLA OL, Best. 136, Nr. 23809 vom 29.1.1946.

7 Vgl. Herbert Schwarzwälder, Geschichte der Freien Hansestadt Bremen IV, Bremen in der NS-Zeit (1933-1945), Bremen, erw. und verb. Aufl. 1995, S. 514.

8 Vgl. Verkaufsanzeigen.

9 Vgl. Beermann (wie Anm. 4) S. 202.

10 In Wilhelmshaven war die Situation ähnlich. Wilhelmshavener Kurier vom 1.2.1943 und 23.2.1943.

11 Die Turnhalle Auf den Häfen 66 war vom 28.Dezember 1942 bis zum 22.Juni 1943 Versteigerungsort für jüdisches Umzugsgut. Vom 20. Juli bis zum 11. August 1943 wurden dort „Hollandmöbel“ verkauft.

12 NLA OL, Rep 400, Best. 136, Nr. 23809.

13 NLA OL, Best. 231, N. 459. 14 Johannes Beermann, Die „Verwertung“ des jüdischen Umzugsgutes im Auftrag des Oberfinanzpräsidenten Weser-Ems von Februar bis Dezember 1942 (wie Anm. 4), S. 117-207.

Menü schließen