Politische Funktionalisierung von Museen

Christopher Galler

Bomann-Museum Celle

In den folgenden Ausführungen wird herausgearbeitet, ob und in welcher Weise eine politische Funktionalisierung von kulturgeschichtlichen Museen in Niedersachsen während der NS-Zeit stattgefunden hat. Besonders im Fokus stehen dabei das Bomann-Museum in Celle, das Museumsdorf in Cloppenburg und das Vaterländische Museum in Hannover (heute Historisches Museum Hannover), da alle drei Einrichtungen auch Gegenstand eines laufenden Dissertationsprojekts sind.

Bevor jedoch die einzelnen Beispiele näher betrachtet werden, soll zunächst die staatliche Museumspolitik zwischen 1933 und 1945 skizziert werden.

Regulierung des Museumswesens auf staatlicher Ebene

Wie auch in anderen Politikfeldern konkurrierten im NS-Staat in der Kulturpolitik mehrere Ministerien und Parteiorganisationen um Zuständigkeiten. Um seinen Einfluss auf das Museumswesen auszubauen, gab der Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Bernhard Rust, 1935 einen Erlass heraus, der die Neugründung von Museen einschränkte und regulierte. Inhaltlich sollte insbesondere eine stärkere Strukturierung der Museumslandschaft erreicht werden, was die staatlichen Einflussmöglichkeiten erhöhte.1 Der Wunsch nach einer Regulierung des Museumswesens war aber keineswegs nur eine Entwicklung, die von den nationalsozialistischen Funktionsträgern ausging. Vielmehr war im Kreis der Museumsfachleute seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine Debatte über den richtigen Zuschnitt der Museumslandschaft entbrannt. Während eine Fraktion in der immer weiter zunehmenden Zahl kleiner Heimatmuseen die Gefahr einer zu starken Zersplitterung sah, argumentierte die Gegenseite, dass nur durch viele regionale Museen das Interesse der ländlichen Bevölkerung geweckt werden könne. Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass gerade die Leiter der größeren Provinzial- und Landesmuseen den Erlass von 1935 positiv bewerteten und in ihm die Erfüllung einer lange gehegten Forderung sahen. Der Direktor des Landesmuseums Hannover, Karl Hermann Jacob-Friesen, verglich ihn beispielsweise mit der Einführung der staatlichen Schulaufsicht im 19. Jahrhundert.

Am 10. März 1936 folgte ein weiterer Erlass des von Rust geleiteten Ministeriums, der die Einrichtung von 25 Museumspflegerstellen in den einzelnen Ländern des Reiches bzw. bei größeren Ländern wie Preußen in den einzelnen Provinzen festschrieb. Folgende Aufgaben wurden den Museumspflegern übertragen:

  1. Gutachterliche und beratende Tätigkeit dem Reichserziehungsministerium, den Unterrichtsverwaltungen der Länder und den in Frage kommenden Mittelbehörden gegenüber, sowohl in allen grundsätzlichen wie auch in bestimmten Einzelfragen auf dem Gebiet der Heimatmuseen.
  2. Überprüfung der vorhandenen Heimatmuseen hinsichtlich ihrer Lebens- und Arbeitsfähigkeit sowie Feststellung ihres lokalen Wirkungsbereichs.
  3. Schulung der Leiter der Heimatmuseen in Lehrgängen und Exkursionen.
  4. Theoretische und praktische Beratung der Leiter der Heimatmuseen.
  5. Beteiligung der für die Zukunft als Leiter der Heimatmuseen vornehmlich in Frage kommenden Studenten der Hochschulen für Lehrerbildung an den unter 2-4 bezeichneten Aufgaben.2

Auffällig ist, dass offenbar zunächst die stärkere Strukturierung des Museumswesens im Vordergrund stand und weniger die unmittelbare Verwertbarkeit der Museen für politische Erziehungsarbeit. Während in der Provinz Hannover mit Jacob-Friesen der Direktor des Landesmuseums den Posten des Museumspflegers bekleidete, wurde in Oldenburg Heinrich Ottenjann, der Leiter des im Aufbau befindlichen Museumsdorfs, mit dieser Aufgabe betraut. Beide Museumspfleger bemühten sich in der Folgezeit unter anderem um eine Abgrenzung der Sammlungsgebiete der Museen in ihren Wirkungsbereichen.3 Dabei stießen sie insbesondere bei denjenigen Museen auf Widerstand, die ihr traditionell weit gefasstes Sammlungsgebiet gefährdet sahen und eine Schematisierung ablehnten. Dies war etwa in Celle der Fall, da das dortige Bomann-Museum mindestens das Staatsgebiet des ehemaligen Königreichs Hannover als Sammlungsgebiet betrachtete und Museumsdirektor Neukirch keine Zurückstufung seines Hauses zu einem Bezirksmuseum akzeptieren wollte.4 Letztlich blieben die Einflussmöglichkeiten der Museumspfleger jedoch begrenzt, da die Durchsetzung ihrer Forderungen auch von der Unterstützung der konkurrierenden Machtblöcke im NS-Staat abhängig war.

Neben den Erlassen von 1935 und 1936 und der Einsetzung der Museumspfleger gab es aber auf Reichsebene keine umfassende Initiative zur Nutzbarmachung des Museumswesens für die politische Erziehungsarbeit, die auch mit hohen finanziellen Zuwendungen verknüpft gewesen wäre. Dennoch oder gerade aus diesem Grund mussten die Museen ihre Nutzbarkeit im NS-Staat betonen, um eine verstärkte Förderung zu erlangen. Bevor dies im Folgenden am Beispiel niedersächsischer Museen aufgezeigt wird, folgt zunächst ein Exkurs zu den so genannten „Propagandamuseen“.



Propagandamuseen

Der Begriff des „Propagandamuseums“ wurde von 1990 von Martin Roth eingeführt und ist als solcher sicherlich diskussionswürdig. Dennoch umfasst er eine Kategorie von Museen, die sich von den traditionellen Häusern deutlich unterscheidet. Obwohl diese sicher niemals ganz unpolitisch sein konnten, wie die Akteure der Heimatbewegung gern betonten, so waren sie doch nicht gegründet worden, um nur explizit politische Botschaften zu vermitteln. Ganz anders sah es hingegen bei denjenigen Museen aus, die ab 1933 auf Initiative der Nationalsozialisten entstanden sind. Für Niedersachsen sind hier das 1937 in Hannover gegründete Logenmuseum und das ein Jahr später entstandene Parteimuseum zu nennen. Die Exponate im Logenmuseum stammten zum Teil aus beschlagnahmten Beständen der Freimaurerlogen. Zentrales Ziel der Präsentation war es, den Besucher auf die Gefährlichkeit der Freimaurerei einzuschwören und diese als Antagonisten der propagierten Volksgemeinschaft darzustellen.5

Logenmuseum Fassade des Logenmuseums.
(Bomann-Museum Celle).

Ausstellungsführer Logenmuseum Vorderseite des Ausstellungsführers durch das Logenmuseum.
(Bomann-Museum Celle).

Auch das Parteimuseum verfolgte in seiner Dauerausstellung einzig die Intention, die Gegner der Nationalsozialisten vor 1933 als einzig Schuldige für die zunehmend von Gewalt geprägte politische Auseinandersetzung am Ende der Weimarer Republik zu präsentieren. Parallel wurde die Geschichte des Nationalsozialismus aus der eigenen Perspektive dargestellt. In Sonderausstellungen wie „Kriegshetzer England“ im Jahr 1940 wurde in ähnlicher Weise politische Instrumentalisierung betrieben. Die bereits 1939 durchgeführte Ausstellung „Große Männer Niedersachsens“ wurde in Kooperation mit Kurt Brüning, einem der vehementesten Befürworter der Bildung eines Landes Niedersachsen, realisiert. Durch den Besuch von geschlossenen Gliederungen erreichten gerade die Sonderschauen sehr hohe Besucherzahlen. Allerdings wurde das Parteimuseum 1943 aufgelöst, da die Räumlichkeiten für einen Kindergarten benötigt wurden.6

Plakat Kriegshetzer Plakat zur Ausstellung „Kriegshetzer England“.
(Historisches Museum Hannover).

Logenmuseum Artikel aus dem Hannoverschen Tageblatt vom 7. Februar 1935.
(Bomann-Museum Celle).

Das Agieren der Museumsakteure nach 1933

Im Gegensatz zu den „Propagandamuseen“ konnten insbesondere das Bomann-Museum in Celle und das Vaterländische Museum in Hannover 1933 bereits auf eine jahrzehntelange Geschichte zurückblicken. Während sich positive Erwartungen in Bezug auf die Nationalsozialisten bei den Leitern der Museen in Celle, Cloppenburg und Hannover vor 1933 nicht nachweisen lassen, änderte sich dies nach deren Regierungsübernahme. Zumindest offiziell wurde eine Aufwertung der Arbeit und damit auch eine bessere Unterstützung erwartet. Während Heinrich Ottenjann (Museumsleiter in Cloppenburg) und Wilhelm Peßler (Direktor des Vaterländischen Museums in Hannover) 1933 in die NSDAP eintraten, vollzog Albert Neukirch (Direktor des Bomann-Museums) diesen Schritt nie.7 Natürlich ist die Aussagekraft des Parteieintritts zu diesem Zeitpunkt begrenzt, da nicht selten opportunistisches Verhalten eine Rolle spielte. Bei Albert Neukirch ist zu vermuten, dass er wohl dem nationalkonservativen Milieu zuzurechnen war. Seit dem Frühjahr 1933 ließ er zunächst die schwarz-weiß-rote Reichsflagge wieder auf dem Museumsdach hissen, was nach einiger Zeit Unmut erregte. Erst als der „Gaupropagandaleiter“ 1934 einer Änderung anmahnte, wurde aus Anlass der Eröffnung des „Reichserbhofgerichts“ im Schloss gegenüber dem Museum eine Hakenkreuzflagge angeschafft.8 Gerade die Gesetzgebung, die zur Gründung dieses Gerichts geführt hatte, fand durchaus die Zustimmung des Museumsdirektors, da er darin eine Ausschaltung schädlicher Spekulationsgeschäfte im Agrarsektor sah. Hier zeigt sich, dass die auch bei Neukirch und Teilen des Bürgertums nachweisbare Kritik am Materialismus Zustimmung zu diesen Maßnahmen der Nationalsozialisten generierte.9

Logenmuseum Eingangsbereich des Niedersächsischen Volkstumsmuseums Hannover.
(Historisches Museum Hannover).

Logenmuseum Abteilung Trachtenwesen im Niedersächsischen Volkstumsmuseum.
(Historisches Museum Hannover).

Logenmuseum Abteilung Festbrauchtum/Schützenwesen im Niedersächsischen Volkstumsmuseum.
(Historisches Museum Hannover).

Freilich bestand zwischen den Erwartungen der Museumsakteure und den tatsächlichen Entwicklungen eine hohe Diskrepanz, da die erhoffte Förderung der Museen durch das Reich ausblieb. Folglich versuchte man schnell, die Bedeutung der Museen für den NS-Staat gegenüber verschiedenen kommunalen und staatlichen Instanzen besonders hervorzuheben. Museumsdirektor Neukirch betonte, dass sein Museum auch in der Weimarer Republik immer der volksmäßigen, bodenständigen und wehrhaften Überlieferung gedient habe, die nun wieder Anerkennung finde.10 In Hannover rügte der spätere Sinnbildforscher Karl Theodor Weigel die Stadtverwaltung unter der Leitung des bis 1937 amtierenden Oberbürgermeisters Arthur Menge scharf für die mangelnde Unterstützung des Vaterländischen Museums. Da er dieses Haus als das wichtigste Museum in Hannover für Formung der Volksgemeinschaft betrachtete, sah er in dessen mangelnder Unterstützung ein oppositionelles Verhalten gegenüber dem NS-Staat.11 In Cloppenburg gelang es Heinrich Ottenjann, den dortigen Gauleiter Röver 1934 als Schirmherren für ein Projekt zu gewinnen, das er – wohl wider besseren Wissens – als vollkommen eigenständige Idee präsentierte, nämlich die Errichtung eines Museumsdorfes. Inspiriert von den skandinavischen Vorbildern hatte Wilhelm Peßler sich bereits Jahre zuvor um ein Museumsdorf in Hannover bemüht, konnte dieses Vorhaben aber auch nach 1933 nicht durchsetzen.12

Dennoch zeigte das Agieren der Museumsleiter und weiterer Akteure an allen drei Orten seine Wirkung. Bereits 1933 wurden in Celle die Planungen für einen Erweiterungsbau begonnen. In Cloppenburg konnte 1934 der erste Spatenstich für das künftige Museumsdorf begangen werden und auch in Hannover starteten 1935 die Planungen zur Umstrukturierung des Vaterländischen Museums. Dessen verschiedene Sammlungsbereiche (Hannoversche Militär- und Landesgeschichte, neuere Militärgeschichte, Stadtgeschichte und ländliche Volkskunde) wurden jeweils auf eigene Dependancen verteilt, wobei das bisherige Museumsgebäude bis 1939 in zwei Etappen zum Niedersächsischen Volkstumsmuseum umgestaltet wurde. Wilhelm Peßler hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg Pläne für ein reichsweites Volkstumsmuseum erstellt.13 Daher liegt die Vermutung nahe, dass nun schon länger gehegte Pläne Peßlers in die Tat umgesetzt werden konnten. Allgemein zeichnete sich das Volkstumsmuseum durch einen hohen Grad an Modernität aus. Die Zahl der Objekte war gegenüber der vorherigen Präsentation deutlich reduziert worden und, wenn möglich, wurden sie nach ästhetischen Gesichtspunkten symmetrisch zueinander präsentiert. Die Ausstellung war weiterhin systematisch gegliedert und enthielt sogar interaktive Elemente, wie Karten mit elektronischen Schaltungen. Inhaltlich zeigte sie dem Besucher die „Erscheinungen des Volkstums“, die Peßler grob in die vier Kategorien Körper, Geist, Sache und Sprache eingeteilt hatte. Gerade die Visualisierung der körperlichen Merkmale der Bevölkerung konnte durchaus im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie interpretiert werden. Auch weitere in der NS-Zeit populäre Themen wie die „Sinnbildforschung“ und „Deutschtum im Ausland“ fanden Eingang in die Ausstellung.14 Auf der andern Seite unterschied sich die Präsentation des Museums aber deutlich von einer Ausstellung mit rein politischen Zielsetzungen, wie sie in den „Propagandamuseen“ oder etwa den Ausstellungen des Reichsbundes für deutsche Vorgeschichte zur gleichen Zeit zu sehen war.15

Erweiterungsbau Modell für einen Erweiterungsbau des Bomann-Museums in Celle von 1937.
(Bomann-Museum Celle).

Anders als sein Kollege Peßler lehnte der Celler Museumsdirektor Neukirch moderne und schematische Präsentationen wie im Volkstumsmuseum grundsätzlich ab. Er wollte auch in einem möglichen Erweiterungsbau am Konzept der geschlossenen Kulturbilder festhalten, wie sie Museumsgründer Wilhelm Bomann eingeführt hatte. Trotzdem gelang es ihm und dem Celler Oberbürgermeister Meyer, den Leiter des Stabsamtes des Reichbauernführers, Metzner, von dem Museumskonzept zu überzeugen. Anders als im Fall des Museumsdorfs Cloppenburg bemühte er sich für das Celler Museum um einen Zuschuss. Eine besondere Aufladung bekam der Plan zur Präsentation weiterer bäuerlicher Kulturbilder auch dadurch, dass in unmittelbarer Nähe Celles ab 1935 das größte militärische Übungsgelände Deutschlands angelegt wurde, für das zahlreiche Bauernfamilien ihre bisherigen Höfe verlassen mussten. Eine Präsentation der bäuerlichen Kulturbilder dieser Region konnte somit auch eine Heilungsfunktion erfüllen. Weiterhin war auch die unmittelbare Nähe des „Reichserbhofgerichts“ ein wichtiges Argument, um die Legitimation des Bomann-Museums im NS-Staat zu unterstreichen. Bis 1937 lag ein fertiges Modell für den Erweiterungsbau vor. Allerdings scheiterte seine Umsetzung nicht an den finanziellen Mitteln, sondern an der zunehmend planwirtschaftlichen Organisation großer Teile der deutschen Wirtschaft. Trotz mehrfacher Bemühungen war es bis 1939 nicht möglich, die benötigten Eisenkontingente zu erhalten, da die Planer der Rüstung nun deutlichen Vorrang vor einem Museumsprojekt gaben.16

Da in Cloppenburg kaum rationierte Baumaterialen benötigt wurden, konnte der Aufbau des Museumsdorfes bis 1939 fortgesetzt werden, sodass zu diesem Zeitpunkt bereits 20 Gebäude transloziert waren. Das ursprüngliche Konzept Ottenjanns, ein Dorf mit den typischen Gebäuden des Oldenburger Münsterlandes zu errichten, hatte spätestens ab Ende 1934 eine Erweiterung erfahren. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Leiter des „Heimstättenamtes“ in Oldenburg einen dreistufigen Ausbauplan vorgestellt, der vorsah, in einem zweiten Schritt Bauernhäuser aus dem gesamten „Gau Weser Ems“ nach Cloppenburg zu translozieren und in einem dritten Schritt eine Arbeitersiedlung zu errichten, deren Bewohner im Museumsdorf als Handwerker wirken sollten.17 Es ist zu vermuten, dass Heinrich Ottenjann die Erweiterungspläne durchaus begrüßte, jedoch insbesondere der nicht authentischen Ausstattung von Bauernhäusern mit Handwerkerstätten kritisch gegenüberstand. Diese Planungen wären schon eher den Vorstellungen, des Reichbauernführers Darré nahe gekommen, der unbewohnte Freilichtmuseen grundsätzlich ablehnte und daher 1935 zwischenzeitlich versuchte, die Translozierung des Quatmannshofes zu stoppen.18 Demgegenüber stellte sich Gauleiter Röver weiterhin hinter das Museumsdorf, wobei zu vermuten ist, dass er darin auch eine Gelegenheit sah, die stark im politischen Katholizismus verwurzelte Bevölkerung des Oldenburger Münsterlandes für den Nationalsozialismus zu gewinnen. Allerdings musste das Museumsdorf in Bezug auf finanzielle Zuwendungen zunächst hinter der großen Freilichtbühne „Stedingsehre“ in Bookholzberg zurückstehen, da man sich wahrscheinlich von den dortigen Aufführungen mit Tausenden von Zuschauern eine höhere Mobilisierung in der Bevölkerung erhoffte als von einem Museumsdorf.19

Die Planungen für den Ausbau des Museumsdorfes zu einer Einrichtung für den gesamten „Gau Weser-Ems“ sind aber auch vor dem Hintergrund zu verstehen, dass Gauleiter Röver den von der Heimatbewegung in Hannover propagierten Niedersachsengedanken vehement ablehnte. Überlegungen zur Gründung eines Landes Niedersachsen im Zuge einer Reichsreform trat er daher entschieden entgegen und gründete 1939 sogar eine Forschungsgemeinschaft, die insbesondere die kulturelle Zusammengehörigkeit des „Gaues Weser-Ems“ nachweisen sollte.20 Ein Museumsdorf mit Häusern aus allen Regionen des Gaues passt somit sehr gut in dieses Vorhaben. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass das Museumsdorf nach 1946, als tatsächlich das Bundesland Niedersachsen entstanden war, Unterstützung durch dessen ersten Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf erfuhr. Nun wiederum bot nämlich die Förderung des Museumsdorfs die Möglichkeit, den Teil der Bevölkerung, der dem Verlust der oldenburgischen Selbstständigkeit kritisch gegenüberstand, einen Anknüpfungspunkt zu bieten. Auf den Einsatz Hinrich Wilhelm Kopfs geht auch die Gründung der Landesstiftung zurück, die bis heute als Trägerin des Museumsdorfes fungiert. Dieser Befund zeigt, dass Heinrich Ottenjann die Fähigkeit besaß, sich geschickt den politischen Gegebenheiten anzupassen, was natürlich zwischen 1933 bis 1945 zwangsläufig zu einer Zusammenarbeit mit den NS-Funktionären führte. Aus diesem Grund diente das Museumsdorf immer wieder als Kulisse für Veranstaltungen, beispielsweise einen Kreisparteitag der NSDAP. Eine dauerhafte Nutzung einzelner Gebäude, wie sie zwischenzeitlich die SA plante, kam hingegen nicht zustande. Obwohl das Museumsdorf durch umfangreiche Pressearbeit weit über die unmittelbare Umgebung bekannt geworden war, fanden allerdings keine reichsweit beachteten Veranstaltungen auf dem Gelände des Museumsdorfs statt, sodass diese Form der Funktionalisierung auf den regionalen Rahmen beschränkt blieb. Eine Zusammenarbeit mit den NS-Organisationen war aber auch bei den Museen in Celle und Hannover gegeben, wo beispielsweise gemeinsam mit der Organisation „Kraft durch Freude“ Schulungen, Veranstaltungen und Ausstellungen durchgeführt wurden.

HWKopf Hinrich Wilhelm Kopf (links) besichtigt gemeinsam mit Heinrich Ottenjann (Mitte) das Museumsdorf.
(Museumsdorf Cloppenburg).

Zusammenfassung

Die Frage der politischen Funktionalisierung wurde insbesondere am Beispiel von drei niedersächsischen Museen untersucht. Ihre Gründungsidee war in allen Fällen stark von der sich um 1900 entstehenden Heimatbewegung beeinflusst, wobei zwei Häuser 1933 schon auf jahrzehntelange Geschichte zurückblicken konnten. Die Nationalsozialisten gründeten ab 1933 wenige neue Museen, die aber vornehmlich dazu dienten, eine negative Darstellung der politischen Gegner vorzunehmen. Auf Reichsebene versuchten verschiedene Instanzen Einfluss auf das Museumswesen zu nehmen, um stärkere Kontrolle über die zuvor nicht unter staatlicher Regulierung gewachsene Museumslandschaft zu erlangen. Viele Museumsleiter verbanden die Machtübernahme der Nationalsozialisten mit der Hoffnung auf eine Aufwertung ihrer Arbeit. Die regulären finanziellen Fördermittel für Museen blieben jedoch begrenzt, sodass die Museumsakteure den Nutzen ihrer Häuser für die Ziele des nationalsozialistischen Staates herausstellen mussten. Das Beispiel Cloppenburg zeigt, dass diese Strategie insbesondere bei lokalen NS-Funktionären Wirkung zeigte, da sie sich im Gegenzug eine positive Resonanz in bürgerlichen Kreisen und im katholischen Milieu versprachen. Obwohl die Museumsleiter auf der Wissenschaftlichkeit ihrer Einrichtungen behaarten, ist nicht zu übersehen, dass es eine Zusammenarbeit der Museen mit den NS-Institutionen gab, was auch eine ideologische Interpretation der Inhalte zur Folge hatte. Dennoch zeigten die Museen eine gewisse Beharrlichkeit und waren nicht in allen Bereichen offensichtlich ideologisch durchdrungen. Eine politische Funktionalisierung der Museen ist aber keineswegs auf die NS-Zeit beschränkt. Dies zeigt sich daran, dass etwa nach 1946 die Museen zur Legitimation des Niedersachsen-Gedankens herangezogen werden konnten, um die neuen staatlichen Strukturen zu legitimieren.

Anmerkungen

  1. Roth, Martin: Heimatmuseum. Zur Geschichte einer deutschen Institution. Berlin 1990, S. 95ff. 

  2. Zitiert nach: Jakob-Friesen, Karl-Hermann: Die Staatliche Betreuung der Heimatmuseen. In: Museumskunde Bd. 9, Berlin 1937, S. 7. 

  3. Archiv Museumsdorf Cloppenburg (MDC), Geschäftskorrespondenz in seiner Eigenschaft als Museumspfleger. 

  4. Stadtarchiv Celle (StA Celle), 1 H 24 Bd. III. und IV. 

  5. Zum Logenmuseum erschien eine zeitgenössische Broschüre, in der Ziele und Inhalte beschrieben wurden: Scharlach, W.: Ein Gang durch das Logenmuseum. Die Wahrheit über die Freimaurerei. Hannover 1937. 

  6. Zacharias, Elke: Das Parteimuseum Niedersachsen der NSDAP. In: Hannoversche Geschichtsblätter, NF Bd. 44, S. 133-151. 

  7. Zur Parteimitgliedschaft Peßlers siehe: Abel, Susanne: Zur politischen Instrumentalisierung von Wissenschaft im Dienst der völkischen Ideologie am Beispiel der Arbeit Wilhelm Peßlers. Göttingen 1995. Während Ottenjanns Parteimitgliedschaft ab 1933 aus seiner Entnazifizierungsakte ersichtlich ist, finden sich in den entsprechenden Beständen für Albert Neukirch keine Hinweis auf eine Parteimitgliedschaft. 

  8. Obenaus, Sibylle: Der Museumsverein, seine jüdischen Mitglieder und das Bomann-Museum in Celle (ein Überblick). In: Celler Chronik 9. Celle 2000, S. 184f. 

  9. Diese Schlussfolgerungen lassen sich aus den Vorträgen ziehen, die der Museumsdirektor von 1934 bis 1936 für den Nationalsozialistischen Lehrerbund hielt. Siehe hierzu: StA Celle, 29 Nr. 146 u. Cellesche Zeitung vom 22.1.1935. 

  10. StA Celle, 1 H 29 Bd. II, Bl. 76. 

  11. Abel 1995, S. 131. 

  12. Fließ, Ulrich. Ein Museumshof in Groß-Buchholz und ältere Freilichtmuseums-Pläne in Hannover. In: Heimatland, Dezember 1978, S. 166-173. 

  13. Peßler, Wilhelm: Die wissenschaftlichen Grundlagen für ein Deutsches Volkstumsmuseum. In: Museumskunde Bd. 10, S. 181-206. 

  14. Da die Ausgestaltung des Volkstumsmuseums in zwei Etappen erfolgte, erschien ein zweibändiger Museumsführer, in dem die Inhalte beschrieben und mit Abbildungen veranschaulicht werden: Niedersächsisches Volkstumsmuseum der Hauptstadt Hannover, Teil 1 u. 2. 

  15. Siehe hierzu: Halle, Uta: Von der musealen Leichenkammer zur NS-Großveranstaltung. In: Geringer, Sandra; Halle, Uta [Hrsg.]: Graben für Germanien. Archäologie unterm Hakenkreuz. Bremen 2013, S. 84-93. 

  16. Die wesentlichen Unterlagen zu den Anbauplanungen in Verbindung mit der Ausstellung von Kulturgütern vom Gebiet des Truppenübungsplatzes Bergen-Hohe sind enthalten in: StA Celle, 1 H 30. 

  17. Meiners, Uwe: Konservierte Heimat – Musealisierung ländlicher Kulturgeschichte zwischen Idylle, Dokumentation und Ideologie. In: Meiners, Uwe (Hrsg.): Suche nach Geborgenheit. Heimatbewegung in Stadt und Land Oldenburg. Oldenburg 2002, S. 299f. 

  18. MDC, Diensttagebuch des Museumsleiters. 

  19. Ebd., Geschäftskorrespondenz 1935-1941.