Objektprovenienz und Familienforschung - Das Beispiel der Heinemann-Nachfahren

Anneke de Rudder

Museum Lüneburg

Seit 2014 gibt es am Museum Lüneburg ein Projekt zur Provenienzforschung, gefördert zunächst durch die Arbeitsstelle für Provenienzforschung, seit 2016 durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste.1 Das Museum Lüneburg, eröffnet 2015, versteht sich als ein interdisziplinäres, kultur- und naturhistorisch ausgerichtetes Regionalmuseum für die Hansestadt Lüneburg und die angrenzende regionale Kultur­landschaft. Grundlage sind die Sammlungen des früheren Naturmuseums, der Stadtarchäologie und des ehemaligen Museums für das Fürstentum Lüneburg. Die Provenienzforschung beschäftigt sich mit den Objekten aus letzterer Sammlung.

Stammbaum Treffen im Museum Lüneburg vor dem Stammbaum der Familie Heinmann. (Museum Lüneburg).

Das Foto zeigt die Familienforschung und die durch sie gefundenen Erben im Zentrum: während eines großen Familientreffens von 40 Nachfahren des jüdischen Sammlers Marcus Heinemann aus Lüneburg anlässlich der Rückgabe von Raubkunst-Objekten durch das Museum. Wir sehen hier einige der Erben vor dem Herzstück dieses Wochenendes: dem Stammbaum der Familie von Marcus Heinemann, der 1908 starb und 17 Kinder hatte.

Aber wie ist es dazu gekommen? Und was hat die Familienforschung eigentlich mit der Objektprovenienz zu tun?

2012 wurde das noch in Gründung befindliche Museum Lüneburg von außen, in der Lokalzeitung, auf einen möglichen Fall von NS-Raubkunst in seinen Beständen hingewiesen.2 Ein engagierter Lüneburger aus dem Umkreis der Geschichtswerkstatt hatte im Landesarchiv in den OFP-Akten der Familie Heinemann einen interessanten Fund gemacht: Eine 30-seitige Liste der Käufer einer Auktion „aus nichtarischem Besitz“ in der Großen Bäckerstraße 23, mitten im historischen Zentrum Lüneburgs, im August 1940.3 Es sind Namen von einigen bekannten Lüneburger Familien darunter. Vom Mahagonischrank bis zum Bügeleisen wurde hier offenbar alles versteigert, was noch übrig war vom Hausstand der jüdischen Familie Heinemann – einer in Lüneburg tief verwurzelten Familie von Bankiers und Kaufleuten, die fast achtzig Jahre lang in dem alten Patrizierhaus in der Altstadt gewohnt hatte.

Kaeufer Käuferliste einer Auktion in Lüneburg mit Objekten aus “nichtarischem Besitz”, August 1940. (Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Hannover).

Die Liste zeigte, dass auch der Museumsverein für das Fürstentum Lüneburg, Träger einer Vorläuferinstitution des jetzigen Museums, hier offenbar 20 Posten ersteigert hatte. Das Museum recherchierte daraufhin in seinen eigenen Beständen und fand schnell eine eigene Akte zum Thema.

Ankauefe Ankäufe des Museums Lüneburg aus dem Nachlass Marcus Heinemann, März 1940. (Museum Lüneburg).

Tatsächlich, so stellte sich heraus, hatte der Lüneburger Museumsverein die Stücke schon im Vorfeld der Auktion 1940 aus dem Nachlass heraus gekauft. Darunter waren u.a. die leicht zu identifizierende Vorderwand einer gotischen Truhe, aber auch so unspezifisch bezeichnete Dinge wie 1 Barometer, 1 antiker Stuhl oder 1 Bild Hamburg. Die Akte dokumentierte einen monatelangen Konflikt über diesen Kauf zwischen dem Museumsverein und einem der Nachlassverwalter.

Es bestand ein dringender Verdacht auf Raubkunst. Daraufhin stellte das Museum Lüneburg einen Antrag bei der AfP, und im April 2014 wurde eine Projektstelle zur Provenienzforschung eingerichtet. Der Fall Heinemann stand dabei zunächst im Zentrum, ist aber auch der Ausgangspunkt für eine systematische Überprüfung aller seit 1933 ins Haus gekommenen Objekte. Zuerst ging es jedoch um eine genaue Recherche der Erwerbungen von 1940, die Identifikation der damals erworbenen Objekte, und bei Bestätigung des Verdachts auf Raubkunst um die Suche nach den Erben.4

Marcus Heinemann Marcus Heinemann. (Museum Lüneburg).

Marcus Heinemann und das Museum
Marcus Heinemann war ein weithin respektierter, wohlhabender jüdischer Bankier und Kaufmann, überaus engagiert in sozialen und kulturellen Belangen, Vorsteher der jüdischen Gemeinde ebenso wie Mitbegründer und wichtiger Finanzier des Museumsvereins. 1908 starb er in hohem Alter in Lüneburg. Jahrzehntelang arbeitete er mit Museumsdirektor Wilhelm Reinecke zusammen, der von von den 1890er bis in die 1950er Jahre das Museum führte und prägte.

Kurz vor Marcus Heinemanns Tod 1908 entdeckte die Familie in ihrem 1550 erbauten Haus eine prächtige Renaissancedecke. Den Wünschen des Vaters folgend, schenkten Marcus Heinemanns Söhne sie dem Museum. Sie trugen außerdem die Kosten für Aus- und Einbau und stellten ein Drittel der Bausumme für einen dringend nötigen Erweiterungsbau des Museums bereit. 1913 konnte der Anbau fertiggestellt werden, und in seinem Zentrum lag fortan der nach Marcus Heinemann benannte Saal mit eingebauter Renaissancedecke.

Strasse Die Große Bäckerstraße in Lüneburg. (Museum Lüneburg).

Die Heinemanns lebten seit 1820 als Bankiers und Kaufleute in Lüneburg. Gemeinsam mit seinen Brüdern betrieb Marcus Heinemann eine Bank und einen Tuchhandel. Ab 1862 wohnte er mit seiner Familie in dem erwähnten alten Patrizierhaus. Bis 1883 wurden Marcus und seiner Frau Henriette 17 Kinder geboren, von denen 13 das Erwachsenenalter erreichten.

Innen Im Haus der Heinemanns in der Großen Bäckerstraße in Lüneburg. (Museum Lüneburg).

Marcus Heinemann war früh Witwer geworden, seine Töchter Martha und Emilie heirateten nicht und kümmerten sich um den Vater. Nach seinem Tod blieben sie in dem großen Haus wohnen und wurden dort gemeinsam alt. 1934 starb Martha, 1936 ihre Schwester Emilie. Das Haus mitsamt Inhalt vererbten sie ihrem jüngsten Bruder Henri – ein Teil der Einrichtung ging allerdings gemäß dem Testament des Vaters an alle Erben.

Marcus und Henri Marcus und Henri Heinemann. (Museum Lüneburg).

Henri Heinemann, hier zu sehen als wilhelminischer Corpsstudent mit seinem noch ganz im 19. Jahrhundert verwurzelten Vater, ging nach einem Medizinstudium in Straßburg als Tropenarzt zunächst nach Ceylon, später als Chefarzt eines Krankenhauses auf einer holländischen Tabakplantage nach Sumatra. Nach dem Tod der beiden Schwestern erbte er 1938 das Haus in Lüneburg, konnte sich darum aber nicht kümmern. Seine Frau kam kurz vor Kriegsausbruch noch einmal nach Lüneburg, um ein paar Dinge zu regeln und vermutlich auch ein paar kleinere Erinnerungsstücke mit zurück nach Indonesien zu nehmen. 1940, als das Haus „arisiert“ und der Hausstand aufgelöst wurde, lebte Henri wie die meisten Erben Marcus Heinemanns bereits weit weg von Lüneburg in der Emigration. Einige andere Nachkommen schafften es nicht mehr, aus Deutschland herauszukommen – verarmt und bedrängt von immer brutaleren NS-Zwangsmaßnahmen lebten sie noch in verschiedenen deutschen Großstädten. Von dort wurden sie zwischen 1940 und 1943 deportiert und umgebracht.5 Der Verkauf des Hauses, die Auktion, die Verhandlungen mit dem Museumsverein über die wertvolleren Stücke – all das geschah über die Köpfe der Kinder und Enkel Marcus Heinemanns hinweg, die durch das NS-Regime daran gehindert wurden, frei über ihr Eigentum verfügen zu können.

Schreiben Schreiben des Regierungspräsidenten an den Testamentsvollstecker Heinemanns, Mai 1940. (Museum Lüneburg).

Die Akten im Landesarchiv und unsere eigenen Bestände dokumentieren eine monatelangen Konflikt des Jahres 1940. Auf der einen Seite stand Museumsdirektor Wilhelm Reinecke, der mit Unterstützung durch die Vertreter des NS-Regimes möglichst schnell und günstig die begehrten Objekte in sein Haus holen wollte, auf der anderen Seite einer der beiden Testamentsvollstrecker Marcus Heinemanns, die mit der Abwicklung der letzten Reste des großen Nachlasses betraut waren. Während einer von ihnen offenbar eng mit dem Museumsverein und den staatlichen Stellen zusammenarbeitete, versuchte der andere, ein älterer Lüneburger Rechtsanwalt, sich soweit wie möglich für die Belange Marcus Heinemanns und seiner Familie einzusetzen. Kurzzeitig sah es so aus, als hätte er zumindest das Ganze herauszögern und wenigstens den Preis für die ans Museum verkauften Objekte etwas in die Höhe treiben können. Aber dann schaltete sich der Regierungspräsident ein. Auf der Grundlage der Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens vom 3. Dezember 1938 verfügte er, dass die in Frage stehenden Gegenstände für die Allgemeinheit von hohem kulturellen Wert seien und deshalb zum vereinbarten Preis an das Museum verkauft werden müssten. Und so geschah es denn auch.

Schreiben Schreiben des Lüneburger Oberbürgermeisters an Museumsdirektor Reinecke, Juni 1940. (Museum Lüneburg).

Interessant an dem überlieferten Schriftwechsel ist, dass es sich hier keinesfalls nur um eine Angelegenheit zwischen Museum und Nachlassverwalter handelte. Immer wieder finden sich Paraphen und Kommentare des Regierungspräsidenten und des Lüneburger Oberbürgermeisters, einmal sogar eine explizite Bekundung, dass die Angelegenheit die Stadtverwaltung ganz außerordentlich stark interessiere. Dies ist symptomatisch für Vorgänge rund um NS-Raubkunst: Jenseits der konkreten Objektverhandlungen zwischen Museen und Vertretern jüdischer Sammler besaßen sie einen hohen politischen Stellenwert und wurden von den NS-Verantwortlichen sehr genau beobachtet oder sogar gelenkt.

Nicht zuletzt aufgrund dieser politischen Interventionen war ziemlich schnell geklärt, dass die Heinemann-Objekte einen Fall von NS-Raubkunst darstellten: Es gab einen verfolgungsbedingten Verkauf, die Objekte wurden unter Wert veräußert, und die gezahlte Summe ging auf ein Sperrkonto, über das die Verkäufer nicht verfügen konnten. Daraus leiteten sich die nächsten Schritte der Provenienzforschung ab - die Suche nach den erworbenen Objekten und zugleich die Suche nach den Erben Marcus Heinemanns, um ihnen die Rückgabe dieser Objekte anzubieten und gemeinsam nach einer „fairen und gerechten Lösung“ zu suchen.

Truhe Truhenvorderseite aus dem Nachlass Heinemann im Museum Lüneburg. (Museum Lüneburg).

Objektrecherche
Die Suche nach den Objekten gestaltete sich deutlich schwieriger als die Rekonstruktion des Erwerbs von 1940. Zu ungenau waren die Bezeichnungen auf den Listen, und noch dazu waren durch Kriegseinwirkungen und einen späteren Brand viele Möbelstücke in den Magazinen zerstört worden. Bis heute hat das Museum Lüneburg nicht alle auf der Liste verzeichneten Dinge finden können.

Ganz klar war allerdings von Anfang an die Identifikation der Truhenschauseite, genauer: der Vorderfront einer gotischen Truhe, die in der Großen Bäckerstraße 23 als eine Art Großskulptur an der Wand gehangen hatte. Marcus Heinemanns Tochter Martha hatte sie in ihrem Testament von 1928 dem Museum versprochen. Kurz vor ihrem Tod 1934 hatte sie diese Bestimmung allerdings geändert: Der Zeit entsprechend möchte ich noch bitten, falls der Markus Heinemann Saal einen anderen Namen erhält, das Truhenstück auf dem Flur nicht dem Museum zufallen zu lassen. Über diese Bestimmung, die dem Museumsdirektor Reinecke durchaus bekannt war, setzte sich der Museumsverein mit seinem Ankauf 1940 einfach hinweg. Tatsächlich war nämlich im Laufe der NS-Zeit der Name „Marcus-Heinemann-Saal“ stillschweigend fallgengelassen worden.6

Fensterbild Fensterbild aus dem Nachlass Heinemann im Museum Lüneburg. (Museum Lüneburg).

Auch bei den beiden Fensterbildern half die einigermaßen klare Bezeichnung in der Liste, sie konnten schnell gefunden werden. Das Problem hier war allerdings: Beide Bilder waren fest in ein Fenster im Museum eingebaut! Von da ab wurde es angesichts der vagen Bezeichnungen auf der Liste ein Stochern im Dunkeln. Ein Eintrag wie 1 Bild Lüneburg, 1 Bild Hamburg bot z.B. kaum Ansatzpunkte für die Recherche. Hier kam indes der Zufall zur Hilfe: Bei einer zeitgleich stattfindenden Inventur der vorhandenen Gemälde fiel einem Mitarbeiter der Schriftzug Dr. Heinemann auf der Rückseite auf. Und tatsächlich zeigt das Bild auch eine Ecke Lüneburgs, in der die Heinemanns große Grundstücke besaßen. Höchstwahrscheinlich hatten wir also 1 Bild Lüneburg gefunden.

Karteikarte Karteikarte eines Fayence-Krugs aus dem Nachlass Heinemann im Museum Lüneburg. (Museum Lüneburg).

Andere Stücke konnten wir trotz detaillierter Beschriftungen auf Karteikarten in unseren Beständen nicht finden: Die Fayencekrüge etwa, die ganz offensichtlich einmal dortgewesen waren. Vermutlich hatten sie die vielen Umzüge des Magazins nicht überstanden. Ähnliches galt auch für den Barockschrank und die Schenkeschive auf der Liste. Durch genauen Abgleich verschiedenster Verzeichnisse gelang es immerhin, einige kleinere Objekte sowie einen Teil der großen Münzsammlung Marcus Heinemanns ausfindig zu machen.

Familienbibel Rückgabe einer Familienbibel an Heinemann-Nachfahren im Museum Lüneburg. (Museum Lüneburg).

Ein ganz wichtiges Objekt, das an die Erben zurückgegeben wurde – das beliebteste bei den Nachfahren – war eine prächtige riesige Bibel mit handschriftlichen Einträgen . Allerdings kam sie nicht aus Museumsbeständen, sondern aus Privatbesitz: Als die Lüneburger Lokalzeitung 2012 das erste Mal von der NS-Raubkunst in Lüneburg berichtete, meldete sich ein Rechtsanwalt beim Museum, dessen Mandantin ebenfalls etwas aus der Familie Heinemann in ihrem Besitz hatte: Ihre Vorfahren hatten in der Nachkriegszeit als Mieter im ehemals Heinemannschen Haus gewohnt. Bei ihrem Auszug in den 1960er Jahren hatten sie die Bibel – die jüdische Version der beliebten Doré-Bibel aus dem 19. Jahrhundert – auf dem Dachboden gefunden und mitgenommen. Nun übergab sie die Bibel dem Museum, mit der Maßgabe, auch für dieses Stück nach den rechtmäßigen Erben zu suchen und es ihnen ggf. zurückzugeben.

In der Doré-Bibel hatte Marcus Heinemann und hatten später seine Töchter auf den für die Familienchronik vorgesehenen Seiten fein säuberlich Namen und Lebensdaten der 17 Kinder und der vielen, vielen Kindeskinder aufgeführt, bis 1936. Dieses Objekt, das im Sommer 2015 mit zurückgegeben wurde, war also zugleich eine Art Transmissionsriemen zwischen Objekten und Familie, eine entscheidende Grundlage für die Familienforschung, für die Suche nach den Erben.

Die Erbensuche
Siebzehn Kinder hatten Henriette und Marcus Heinemann… Nach Geburt des letzten Kindes Henri und dem Tod der Mutter kurz darauf entstand dieses Bild, aufgenommen um 1884, das fast alle 17 Kinder zeigt (und die Mutter Henriette ist im Porträt auch dabei). 1908, beim Tode Marcus Heinemanns, lebten noch 13 der 17 Kinder, sieben von ihnen hatten selber Kinder. Es ist nicht schwer vorstellbar, wie groß der heutige Kreis der Erben ist.

Familie 1884 Marcus Heinemann und Familie, 1884. (Museum Lüneburg).

Innerhalb eines halben Jahres nach Beginn der Provenienzforschung hatte ich gut 50 Nachfahren Marcus Heinemanns gefunden: in den USA, Frankreich, England, Israel, Mexiko, den Niederlanden und Deutschland. Neben den Eintragungen in der Familienbibel gab es ein paar andere wichtige Hinweise, die mich Namen und Kontaktdaten finden ließen. Zum Beispiel war da ein Brief von Marcus’ Enkel Hans Heinemann ans Museum aus den fünfziger Jahren mit einer Adresse einer renommierten New Yorker Bank, der mich zu einem Nachruf in der New York Times auf seinen Sohn und von dort zu dessen Tochter, einer Lehrerin in Maryland führte. Von zentraler Bedeutung waren auch die Recherchen der Lüneburger Geschichtswerkstatt, die 1995 ein Buch über Lüneburger jüdische Familien veröffentlicht hatte. Die Publikation stand damals im Zusammenhang mit einer Einladung der Stadt Lüneburg an ehemalige jüdische Mitbürger und ihre Nachfahren, der auch einige Mitglieder der Familie Heinemann gefolgt waren. Hier boten sich weitere Anknüpfungspunkte.

Familientreffen Heinemann Mitglieder der Heinemann-Familie auf der Rathaustreppe in Lüneburg. (Museum Lüneburg).

Schließlich gab es ein Konvolut von Briefen und Dokumenten des engagierten Studienrats Manfred Göske aus den 1970er Jahren, das sein Sohn dem Museum zur Verfügung stellte. Es enthielt eine umfangreiche Korrespondenz mit ehemaligen Lüneburgern aus der Familie Heinemann, die viele wichtige Hinweise zum Aufspüren der Erben lieferte.

Auf dieser Grundlage verbrachte ich dann viele Stunden im Internet und setzte Stück um Stück ein großes Puzzle zusammen: mithilfe von Einwanderungslisten aus Ellis Island, den Familienanzeigen in der deutsch-jüdischen Zeitschrift „Aufbau“ aus New York, den White Pages von Israel, detaillierten Websites von jüdischen Friedhöfen in Norddeutschland – und zahllosen E-Mails an regionale Archive, Geschichtswerkstätten, Dokumentationszentren, jüdische Organisationen etc. etc.

Fast genauso wichtig wie diese virtuellen Ressourcen wurde der Schneeballeffekt, nachdem die ersten Erben gefunden waren: In Kalifornien, in New York, in israelischen Kibbuzim, in deutschen Universitätsstädten – schnell fanden sich an vielen Orten auf der Welt ein paar engagierte Mitglieder der Familie, die mir weiterhalfen. Sie kramten alte Fotoalben ihrer Großeltern heraus, riefen längst vergessene Großtanten an, spürten Notizbücher von ihren kürzlich verstorbenen Eltern mit alten Telefonnummern auf und halfen mir, insbesondere in Israel, mit Sprach- und Ortskenntnis weiter. Viele ließen sich von meinem Fieber bei der Suche nach den Erben, nach der Rekonstruktion dieser Großfamilie anstecken. Vor allem zwei Erbinnen in den USA, Becki Cohn-Vargas in Kalifornien und Kristina Heinemann in New York, machten dieses Projekt sehr stark zu ihrem und sorgten dafür, dass sich die weit über die Welt verstreuten, einander vorher kaum bekannten Erben miteinander vernetzten und überlegten, wie mit dieser Situation umzugehen sei.

Die meisten der gefundenen Nachfahren gehören der Generation zwischen 40 und 60 an. Marcus Heinemann ist für sie ein ferner Ur-Urgroßvater. Sie haben großenteils keinerlei Beziehungen mehr zu Deutschland – oft auch nicht zum Judentum – sprechen kein Deutsch und haben sich bisher bis auf einige Ausnahmen nur sehr wenig mit der Geschichte ihrer Familie beschäftigt. Daneben kam ich in Kontakt mit einigen wenigen Menschen in der Generation davor, zwischen 80 und 95, die noch Deutsch können, die sich noch an Deutschland, zum Teil sogar an Besuche bei Verwandten in Lüneburg erinnern und zumindest als Kinder auch noch Kontakte zu entfernteren Verwandten hatten.

An sie alle schrieb ich Mails und Briefe, deren Inhalt kurzgefasst war: „Wir haben da etwas, das Ihnen gehört, und würden das gern zurückgeben!“ Hervorzuheben ist, dass die nach und nach gefundenen Erben auf diese Anfragen durchweg überrascht reagierten – und zugleich durchweg positiv. Nach und nach kam eine intensive Kommunikation zustande, per Mail und zunehmend auch über Skype-Gespräche und Telefonate. Sobald ich etwas Neues herausgefunden hatte – sei es zur Familiengeschichte, sei es zu den Objekten – ging es in den immer größer werdenden Heinemann-Verteiler. Die Nachfahren schickten mir Fotos und Dokumente Ihrer Eltern und Großeltern, erzählten ihre eigenen Geschichten und fragten viel nach Lüneburg, nach dem Museum, nach der jüdischen Gemeinde, nach den Schicksalen derjenigen Familienmitglieder, die Opfer der NS-Judenverfolgung geworden waren.

Hinsichtlich der Rückgabe und des weiteren Vorgehens herrschte allerdings zunächst eine gewisse Ratlosigkeit. Nach ein paar Monaten verständigten sich die Erben dann aber untereinander, dass sie ihrerseits die Objekte gern dem Museum als Leihgabe zur Verfügung stellen würden – und dass sie dies verbinden wollten mit einer Art Familientreffen in Lüneburg, der Stadt ihrer Vorfahren. Mit dieser Idee, die das Museum Lüneburg nur zu gern aufnahm, entwickelte der Prozess der Rückgabe und des Rückkehrens eine starke, oftmals euphorisierende Eigendynamik. Die restituierten Objekte fungierten dabei als Scharnier: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Lüneburg und den unterschiedlichen Ländern, in die sich Familienangehörige vor der NS-Verfolgung gerettet hatten – und zwischen dem Museum und den Menschen.7

Rückgabe und Familientreffen
Natürlich ging es in Lüneburg, wie in jedem Fall von NS-Kunstraub, um im „Dritten Reich“ geschehenes Unrecht, um einen im Rahmen der Judenverfolgung herbeigeführten materiellen und emotionalen Verlust. Durch die Tatsache, dass die Objekte 1940 aus dem Nachlass eines 1908 Verstorbenen gekauft worden waren, lag der Verlust in diesem Fall jedoch ungewöhnlich weit zurück und war auch für die Nachkommen nicht mehr besonders schmerzhaft. Die besonderen Bedingungen sorgten vielmehr dafür, dass die ursprüngliche Verlusterfahrung sich durch den kommunikativen Prozess der Restitution tatsächlich in etwas Positives, fast schon Bereicherndes verwandeln konnte.

Objektrückgabe Rückgabe von Objekten in Lüneburg. (Museum Lüneburg).

Die Objekte selbst traten im Prozess des Kennenlernens und der Rückgabe mehr und mehr in den Hintergrund, funktionierten hauptsächlich als Vehikel. Provenienzforschung war in dieser zweiten Phase weniger historische Recherche als vielmehr Mittel der Transparenz, der Vertrauensbildung, der Versöhnung und der Rückbesinnung auf die Wurzeln der Familie. In Anknüpfung an Peter van Menschs Vortrag könnte man davon sprechen, dass hierdurch der Übergang von einem „mutual heritage“, das von zwei Seiten gleichzeitig beansprucht wurde, zu einem „shared heritage“ erreicht wurde: „The step from mutual to shared presupposes an active involvement of all parties concerned in decision making processes. An element in this is the full recognition of the cultural biography of the finds.“8

Ganz wichtig dabei: Fast alle Gegenstände, die in Lüneburg zurückgegeben werden konnten, waren ohne großen materiellen Wert. Und auch ihr emotionaler Wert, mit Ausnahme der Familienbibel mit den handschriftlichen Eintragungen, war für die Heutigen nicht allzu hoch: Niemand von den heute noch lebenden Nachfahren konnte sich an einzelne Objekte erinnern, es gab keine durch die Generationen tradierten Erinnerungen oder emotionalen Bindungen an die Truhe, die Fensterbilder, die Münzen oder die anderen Möbel- und Einrichtungsstücke aus dem Haushalt von Marcus Heinemann.

Dies alles erleichterte es ungemein, eine faire und gerechte Lösung im Sinne der Washingtoner Prinzipien zu finden. Dies galt übrigens auch für den Museumsverein, der zwar heute nicht mehr Träger des Museums ist, aber nach wie vor Eigentümer fast aller Objekte: Die Mitglieder stimmten der Rückgabe ohne großes Murren zu, im Wissen, dass die zurückgegebenen Objekte als Dauerleihgabe dem Museum faktisch erhalten bleiben würden, dass es also im Grunde nur zu einer Legalisierung des status quo käme.

Im Juli 2015 nahmen dann über 40 Nach­fahren von Marcus und seinem Bruder Salomon Heine­mann die Übergabe der Objekte zum Anlass, sich im Museum Lüneburg zu treffen.9 Urenkel, Ur-Urenkel und Ur-Ur-Urenkel im Alter zwischen acht und achtzig reisten an: aus den USA, aus Groß­britan­nien, Israel, Guate­mala, Frank­reich und aus Deutsch­land. Die meisten von ihnen kannten sich unter­einander nicht, hatten oft noch nicht einmal von der Exis­tenz einer so großen Verwandt­schaft gewusst.

Im Laufe des Wochen­endes begaben sie sich gemein­sam mit Mitar­beitern und Ehren­amtlichen des Museums Lüne­burg auf die Suche nach ihren Wurzeln, wurden im historischen Rathaus vom Oberbürgermeister empfangen und trugen sich ins Gästebuch der Stadt ein. Sie entdeckten zahl­lose Spuren der Familien­geschichte in der Stadt, tauschten in vielen Sprachen Geschichten und Erinne­rungen an gemein­same Verwandte aus - und lernten sich vor allem unter­einander kennen.

Auf eine unge­wöhnliche Weise verbanden sich so an diesem Wochen­ende Vergan­genheit, Gegenwart und Zukunft: Der gemeinsame Blick in die Geschichte, mit all ihren schönen wie auch schmerz­haften Seiten, ließ eine ganz besondere Atmos­phäre ent­stehen, die keiner der Betei­ligten so schnell wieder vergessen wird. Das Museum bot den Raum für Gespräche, Emotionen, Bilder, Diskus­sionen, Ent­deckungen und Erfah­rungen. Die Begegnung ging aber auch weit über das Museum hinaus: Überall in der Stadt öffneten Lüne­burger Institutionen und Privatmenschen ihre Türen und Häuser, luden die Nach­fahren der Heine­manns ein und gaben ihnen so das Gefühl, siebzig Jahre nach Kriegs­ende in Lüne­burg herzlich will­kommen zu sein. Bei manchen stellte sich sogar ein Gefühl von Zugehörigkeit ein. Eric Rhee aus Kalifornien, Ur-Urenkel von Marcus Heinemann, fasste es in einer Diskussion mit Lüneburger Schülern so zusammen: My wife and I have been to Lueneburg before, have seen the sights. But this is the first time that we no longer feel like tourists.

Von besonderem Gewicht für die Nachfahren Marcus Heinemanns war an diesem Wochenende die offizielle Entschuldigung durch den Vorsitzenden des Museumsvereins, Dr. Ralf Johannes, der auch deutlich über die historische Verantwortung des Museums sprach:

For us, it is not only a great pleasure to have you here. Your coming to Lüneburg also signifies an act of tremendous symbolic importance. […] Your ancestors were part of our local community, strongly affiliated with our Museum Society and our Museum. […] The Director at the time, Prof. Reinecke, took advantage of your ancestors’ plight by acquiring objects below market value for the museum’s collection. This constituted an act of expropriation which was all the more questionable in a moral sense since for many years its victims had been distinguished members of the Museum Society. Even though Professor Reinecke may have acquired the items of your ancestors’ collection rather disinterestedly and certainly not in order to gain personal profit this purchase remains a dark chapter in our museum’s history. – We hold responsibility for the barely concealed theft to which your family fell victim. – On behalf of our Museum Society I hereby ask your forgiveness.

Auch die auf Deutsch und Englisch vorliegende Erklärung der Erben, die nach der Rückgabe die beiden jüngsten anwesenden Familienmitglieder vorlasen, betonte den Aspekt der Versöhnung und historischen Symbolkraft des Aktes:

Obwohl die meisten von uns sich bisher noch nicht getroffen haben, stimmen diejenigen unter uns, die miteinander korrespondiert haben, darin überein, diese Gegenstände dem Museum für zehn Jahre als Leihgabe zur Verfügung zu stellen. Wir stellen fest, dass dies eine symbolische Geste ist, weil wir nur einen Teil aller rechtmäßigen Erben vertreten. Wir stimmen auch darin überein, dass jeder dieser rechtmäßigen Erben Marcus Heinemanns in den folgenden Jahren diese Übereinkunft in Frage stellen kann. – Unsere symbolische Geste geht heute einher mit der Hoffnung auf eine friedliebende Zukunft, in der alle Menschen unterschiedlichster Herkunft sicher leben können und akzeptiert werden - und in der weltweit Diskriminierung und Hass in allen ihren Formen auf keinen Fall geduldet werden.

Zum Abschluss sprach Dr. Becki Cohn-Vargas als Vertreterin der Erben und verwies in bewegenden Worten auf die große Bedeutung der gegenseitigen Anerkennung, des Nicht-Vergessens, des Zusammenkommens 70 Jahre nach Kriegsende:

Our joint statement is a symbolic gesture, because not all the heirs of Marcus Heinemann have been located and no legal measures have been taken. And yet, we feel this is an opportunity for both the museum and our family members to come together. – That is why today it means so much that Lüneburg has not forgotten us. And today we celebrate that. We also celebrate some great contributions by Heinemann descendants.

Die Rückgabe der Objekte und das Familientreffen hatten bleibende Wirkung: Zum einen erzählen heute mehrere Exponate in der Dauerausstellung von der jüdischen Familie Heinemann und der Rückgabe der 1940 unrechtmäßig erworbenen Objekte. Sie stehen regelmäßig im Mittelpunkt von Führungen zu den Themen jüdisches Leben und NS-Zeit. Zum anderen wurde während der Rückgabe-Zeremonie im Juli 2015 der Vortragssal des Museums in Marcus-Heinemann-Saal umbenannt: Eine Ehrung und zugleich Anknüpfen an die alte Benennung, die das Museum in der NS-Zeit aufgegeben hatte.

Marcus-Heinemann-Saal Der Marcus-Heinemann-Saal im Museum Lüneburg heute. (Museum Lüneburg).

Anmerkungen

  1. “Die schöne Sammlung im Hause Heinemann ist mir wohl bekannt“ – Forschungen zur Provenienz der Erwerbungen des Museums Lüneburg

  2. Carlo Engeling, NS-Raubkunst gibt es auch in Lüneburg, Landeszeitung Lüneburg, 1./2.9.2012. 

  3. Niedersächsisches Landesarchiv, Hann 210 Acc 2004/25, S.25. 

  4. Eine erste Zusammenfassung der Aktivitäten zur Provenienzforschung findet sich hier: Hans-Martin Koch, Zusammensetzen eines Puzzles, Landeszeitung Lüneburg, 22.2.2015

  5. Vierzehn Nachkommen von Henriette und Marcus Heinemann wurden Opfer der NS-Judenverfolgung: die Töchter Anna Levy (Berlin) und Ida Jaffé (Hannover), die Enkel und Urenkel Martha Meyer mit ihren Kindern Elisabeth und Lotte (deportiert aus den Niederlanden), Hermann Jacobsohn (Selbstmord in Marburg), Ruth Weinberger mit ihren Kindern Michael und Lies (Wuerzburg), Rudolf Lindenberg (Breslau), Ernst Jacobson mit seiner Frau Else und Tochter Ruth (Hamburg), Ruth Levinger (München). 

  6. Siehe zur Person Reineckes und zur Museumsgeschichte in der NS-Zeit den jüngst erschienenen Aufsatz von Ulfert Tschirner: Wilhelm Reinecke und Gerhard Körner. Handlungsspielräume von Wissenschaftlern am Museum Lüneburg in der Zeit des Nationalsozialismus, in: Tanja Baensch/Kristina Kratz-Kessemeier/Dorothee Wimmer (Hrsg.), Museen im Nationalsozialismus: Akteure – Orte – Politik, Köln u.a. 2016, S. 115-128. 

  7. Auch das DZK hob in seiner Pressemitteilung diesen Aspekt hervor. Dr. Uwe Hartmann, Leiter des Fachbereichs Provenienzforschung bei der Stiftung Kulturgutverluste, war bei der Rückgabe anwesend und unterstreicht ihre Bedeutung: „Das Beispiel des Museums Lüneburg zeigt ein weiteres Mal eindrucksvoll, wie wichtig es ist, aktiv Provenienzforschung zu betreiben, die Erben ermordeter und vertriebener jüdischer Kunstsammler ausfindig zu machen, mit ihnen in einen vertrauensvollen Dialog zu treten und gemeinsam nach fairen und gerechten Lösungen im Sinne der Prinzipien der Washingtoner Konferenz zu suchen. Es zeigt ebenso, dass auch Museen in kleineren und mittleren Städten in relativ kurzer Zeit erfolgreich Forschungsprojekte durchführen können, wenn sie das Beratungsangebot der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste in Anspruch nehmen.“ 

  8. Peter van Mensch, Museums and their collections – new perspectives on ownership, S. 7.