Die Suche nach NS-Raubgut in Deutschen Bibliotheken am Beispiel der Staats- und Universitätsbibliothek (SuUB) Bremen

Volker Cirsovius-Ratzlaff

Staats- und Universitätsbibliothek Bremen

In der NS-Zeit profitierten Bibliotheken vom Raub an politisch und religiös Verfolgten Menschen vor allem in Form von Büchern, die kostenlos oder zu einem geringen Preis in den Bestand gelangten. Die Wege, wie geraubte Bücher in die Magazine gelangten, waren dabei sehr unterschiedlich.

Zum einen die nationalen Verteilzentren, wie zum Beispiel der Reichstauschsstelle.1 Es gab aber auch sehr individuelle Möglichkeiten für die einzelnen Bibliotheken direkt oder indirekt NS-Raubgut in den Bestand zu bekommen. Hier sind die öffentlichen Versteigerungen vom Besitz der deportierten jüdischen Bevölkerung zu nennen, bei denen Bibliotheken nicht selten ein Vorkaufsrecht hatten. Eine andere Möglichkeit waren z.B. persönliche gute Kontakte zu den zuständigen Polizeidienststellen, bei denen beschlagnahmte Bücher gelagert wurden.2 Des Weiteren konnten die Bibliotheken auch günstig an Raubgut über den antiquarischen Buchankauf gelangen.

Die Zugangsbücher der Bibliotheken zeigen uns heute, dass dieser Raub seinerzeit nicht als Unrecht wahrgenommen wurde. Bis weit in die 1940er Jahre wurde der Zugang geraubter Bücher mehr oder weniger offen in den Zugangsbüchern eingetragen. Es gab hierbei offenbar keinen Grund die „Geschenke der Geheimen Staatspolizei“ oder die Ersteigerung auf so genannten „Juden-Auktionen“ zu verschleiern oder zu tarnen, wie es zum Beispiel bei der Deportation und Ermordung der europäischen Juden in vielen Fällen praktiziert wurde.

Zugangsbuch Ausschnitt aus dem Zugangsbuch 1942.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

Seit 2008 wurden durch das jetzige Deutsche Zentrum Kulturgutverluste 28 Projekte in verschiedenen Bibliotheken gefördert, um die Bestände nach NS-Raubgut zu durchsuchen und gegebenenfalls Restitutionen in die Wege zu leiten.3 Darüber hinaus ist in mehreren Bibliotheken die Provenienzforschung und die Suche nach NS-Raubgut inzwischen zu einem festen Bestandteil der Bibliotheksarbeit geworden.4

In Bezug auf die Suche nach NS-Raubgut haben Bibliotheken eine andere Herangehensweise als beispielsweise Museen. Dies liegt zum einen an der schieren Masse der geraubten Kulturgüter. Geraubte Bücher sind in der Regel keine unverwechselbaren Einzelstücke und den Besitzern bzw. deren Erben ist die Existenz der Bücher in Bibliotheken gar nicht bekannt. Für Bibliotheken ergibt sich bei der Suche nach NS-Raubgut erst einmal das Problem, die im Bestand vorhandenen geraubten Bücher zu finden oder als solche überhaupt zu identifizieren und gegebenenfalls aktiv die Suche nach den Vorbesitzern zu betreiben. Der Nachweis eines Vorbesitzes ergibt sich in den meisten Fällen nur anhand einer Provenienz, die sich in den Büchern finden lässt.5

Der Wert dieses speziellen Kulturgutes ergibt sich hier vor allem aus den familiären Bezügen zu den Büchern selbst. Wie im Fall von der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen sind die hier bisher gefundenen Bücher in den meisten Fällen aus dem Besitz emigrierter und in der Mehrzahl als Juden verfolgter Bürger in den Bestand gekommen.6 Das heißt, dass aus dem familiären Besitz, diese Bücher mitunter das einzige Hab und Gut sind, welches in den Familienbesitz zurückkehrt, sofern die Suche nach den Vorbesitzern Erfolg hat.

Die Suche und die Rückgabe von geraubten Büchern aus unseren Bestand an die rechtmäßigen Eigentümer ist für unsere Bibliothek, in jedem Einzelfall – ob bei einem Buch oder größeren Beständen – immer eine sehr persönliche Angelegenheit, die gerade bei der Kontaktaufnahme eine sehr individuelle Herangehensweise erfordert.

Am Beispiel der Staatsbibliothek Bremen möchte ich Ihnen kurz unsere Arbeit vorstellen. Die Staats- und Universitätsbibliothek Bremen gehört mit ca. 3,6 Millionen Medien zu den größeren Bibliotheken in Norddeutschland. Als zentrale Bibliothek ist sie für die landesweite Literaturversorgung der staatlichen Hochschulen in Bremen und Bremerhaven zuständig. Für die Freie Hansestadt Bremen versieht sie die Aufgaben einer Landesbibliothek. Insgesamt verteilt sich die Bibliothek auf neun Standorte in Bremen und Bremerhaven.

„Leichen im Keller“. Die Suche nach NS-Raubgut an der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen 1991-2009

Leichentritt Leichtentritt, Hugo (Hrsg.) Mozarts Briefe, Berlin 1912. (Sign. AY2611) Das Buch befindet sich als Dauerleihgabe der rechtmäßigen Eigentümer im Bestand der SuUB.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

Bereits Anfang der 1990er Jahre begann die Staats- und Universitätsbibliothek Bremen als eine der ersten Bibliotheken in Deutschland mit der systematischen Suche nach Büchern aus jüdischem Besitz. Den Anstoß dazu gab seinerzeit ein wissenschaftlicher Nutzer, der im Jahre 1991 Einträge in Büchern mit der Abkürzung „J.A.“ bemerkte und weiter recherchierte.7

Nachdem diese Funde in der Öffentlichkeit thematisiert wurden, forderte der Bremer Senat die Staats- und Universitätsbibliothek Bremen auf, ihre Bestände nach zu Unrecht erworbenen Büchern aus jüdischem Vorbesitz zu untersuchen, um diese den vielleicht noch lebenden Besitzern oder deren Erben zurückzugeben.8

Es stellte sich heraus, dass es sich bei diesen Büchern um beschlagnahmtes Eigentum aus dem Umzugsgut emigrierter Bürger handelte, welches im Bremer Hafen spätestens seit 1939 zurückgehalten und schließlich beschlagnahmt und versteigert worden war. Bremen gehörte mit Hamburg zu den meist genutzten Häfen für die Emigration aus Deutschland und unsere Bibliothek hatte seinerzeit die Möglichkeit erhalten, bei diesen Versteigerungen kostengünstig an Bücher zu gelangen.9

Zugangsbuch2 Ausschnitt aus dem Zugangsbuch 1942.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

In einem ersten kurzen Projekt sollten daraufhin innerhalb weniger Monate die verdächtigen Bestände geprüft und, wenn möglich, die ursprünglichen Eigentümer ausfindig gemacht und die geraubten Bücher an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben werden. Insgesamt sollte dieses Projekt jedoch mit Unterbrechungen von 1992 bis 2009 laufen.

Bei der Überprüfung stellte sich heraus, dass im Zugangsbuch für das Jahr 1942 ca. 1.500 Zugänge aus den so genannten „Juden-Auktionen“ verzeichnet wurden. Für das Jahr 1942 war dies der größte zusammenhängende Zugang an unsere Bibliothek und stellte mehr als ein Drittel des Gesamtzugangs an Titeln für unsere Bibliothek dar.10

In den folgenden Jahren erhielt die pensionierte Oberschulrätin Elfriede Bannas den Auftrag zur Recherche nach NS-Raubgut in der SuUB Bremen. In einem ersten Schritt wurden zunächst die Zugangsbücher der entsprechenden Erwerbungszeiträume von 1942 gesichtet. Dank persönlicher Einträge in den Büchern und der Zuordnung von Exlibris gelang es, 330 der rund 1.600 ermittelten Titel namentlich zuzuordnen. 275 dieser Bücher wurden bis heute von der SuUB Bremen an die rechtmäßigen Besitzer bzw. deren Erben zurückgegeben.

Katalog1 Katalogausschnitt der SuUB Bremen.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

Zusätzlich wurde 2008/2009 noch ein extra Katalogausschnitt angelegt, in dem sämtliche als NS-Raubgut erkannten Titel angezeigt und recherchiert werden können. Dieses Hilfsmittel können wir heute für die fortlaufende Arbeit nutzen.11

Ein neues Projekt beginnt – die Sammlung Arnold Blome in der Kunsthalle Bremen

Ein Auslöser für die erneute Suche nach NS-Raubgut bildete die Sammlung Arnold Blomes. Ausgehend von Recherchen der Bremer Kunsthalle kam ans Licht, dass der Bremer Kunst- und Antiquitätenhändler Arnold Blome in der Zeit des Nationalsozialismus an sogenannten „Judenauktionen“ teilgenommen hatte.12 Arnold Blome hatte nach dem Krieg mehrere Schenkungen an die Bibliothek getätigt, wobei eine erste Schätzung von ca. 2.000 Titeln ausging.

Hansen Hansen, Dorothee und Reuter, Brigitte (Hrsg.): Eine Frage der Herkunft: Drei Bremer Sammler und die Wege ihrer Bilder im Nationalsozialismus. Ausstellungskatalog zur Ausstellung: Eine Frage der Herkunft: Drei Bremer Sammler und die Wege ihrer Bilder im Nationalsozialismus in der Kunsthalle Bremen vom 22.10.2014-4.1.2015, Bremen 2014.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

Die vorherigen Recherchen an der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen in Bezug auf NS-Raubgut in den 1990er Jahren hatten sich vornehmlich auf die Zugänge aus den sogenannten “Juden-Auktionen“ konzentriert. Durch die Arbeit in der Bremer Kunsthalle wurde nun offensichtlich, dass es eventuell weitere widerrechtliche Zugänge im Bestand der SuUB geben könnte.

Schreiben Schreiben der SuUB an Arnold Blome vom 16.11.1956. Nachlass Arnold Blome.
(Kunsthalle Bremen).

Die bisherigen Recherchen, die wir mit Unterstützung der Bremer Kunsthalle durchgeführt haben, zeigten, dass die Staats- und Universitätsbibliothek Bremen in einem Zeitraum von 1946 bis 1963 ca. 9.000 Titel als Geschenk aus dem Nachlass von Arnold Blome erhalten hat. Die Anzahl und der Zeitraum ergeben sich aus den ausgewerteten Empfangsbestätigungen, die sich im Nachlass Arnold Blomes fanden. Hier muss nun geprüft werden, ob sich unter diesen Schenkungen auch NS-Raubgut befindet.13

Die Suche nach NS-Raubgut 2015-2018

Im Februar 2015 hat nun mit Unterstützung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste an der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen ein dreijähriges Projekt zur Überprüfung verdächtiger Zugänge an unserer Bibliothek begonnen.

Zugangsbuch1940 Zugangsbuch 1940. Titelseite.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

Neben den Schenkungen von Arnold Blome sollen im laufenden Projekt sämtliche verdächtigen Zugänge von 1933 bis 1948 überprüft werden. Insgesamt sind in dem zu untersuchenden Zeitraum 86.000 Titel in den Bestand der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen gekommen.14

Als erstes Hilfsmittel für die Untersuchung nutzen wir die erhalten gebliebenen Zugangsbücher der Jahre 1933 bis 1948. Für die Vorauswahl und die weitere Recherche wurden diese sämtlich in einer Datenbank erfasst.

Tabelle Der Ausschnitt zeigt die Tabelle für das Zugangsbuch 1933 der SuUB. Zu sehen ist: die Zugangsnummer, die zum Teil auch die Signatur ist (Spalte A); Datum der Aufnahme (Spalte C); Herkunft (Spalte D); In Spalte G ist die Kategorisierung in verschiedene Verdachtsgruppen eingetragen. Von 1 (geklärt = kein NS-Raubgut) bis Kat. 6 (NS-Raubgut) ist diese Einteilung ein Hilfsmittel für die Vorauswahl in verdächtige oder unverdächtige Bestandsgruppen.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

Die Erfassung aller Zugänge aus diesem Zeitraum wurde im September 2015 abgeschlossen. Ziel der Erfassung ist es, aus den Einträgen der Zugangsbücher möglicherweise verdächtige Zugänge von offensichtlich unverdächtigen Zugängen zu trennen. Die Erfassung aller Zugänge bietet bei der fortlaufenden autoptischen Prüfung aus den Magazinen zusätzlich eine schnelle und einfache Möglichkeit, aufgefundene Zugangsnummern mit den Zugangsbüchern abzugleichen und alle Funde zu dokumentieren.

Verdachtsgruppen - Offenkundige NS-Raubgut Funde

Zugangsbuch1933 Ausschnitt aus dem Zugangsbuch 1933.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

Durch die Arbeiten von Frau Bannas, Herrn Babendreier und Herrn Drews zu den Zugängen aus den Juden-Auktionen ist bereits ein großer Teil des offen in den Zugangsbüchern eingetragenen NS-Raubgutes im Bestand erfasst worden.

Weitere Funde sind hierbei die im Bild zu sehenden Zugänge aus einer Beschlagnahme des Eigentums der Bremer Volkszeitung bzw. eines sozialdemokratischen Verlages in Bremen.15

Zugangsbuch1940 Ausschnitt aus dem Zugangsbuch 1940.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

Vereinzelt konnten wir auch sehr stark verdächtige Zugänge finden, wie ein Beispiel im Zugangsbuch 1940 zeigt. Hier bekam die damalige Bibliothek der Hansestadt Bremen über das Hauptzollamt mehrere Bücher, unter anderem auch Judaica, als Geschenk überreicht.

vier Bilder

vier Bilder

vier Bilder

vier Bilder Die vier Bilder zeigen die aufgefundenen Provenienzen aus den Geschenkzugängen des Hauptzollamtes von 1940.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

Bei der Sichtung der Bücher konnten wir insgesamt vier verschiedene Provenienzen finden, wobei ich davon ausgehe, dass Hans, Sara und Johanna Katzenstein zu einer Familie gehören. Leider konnten wir bis heute noch keine Hinweise auf Else Heinemann sowie Sara, Johanna und Hans Katzenstein finden.16

Verdachtsgruppe: Unbekannte Herkunft

Unter den verdächtigen Zugängen sind zahlreiche „unbekannter Herkunft“.17 Zugänge unbekannter Herkunft finden sich regelmäßig in den Zugangsbüchern. Dies kann verschiedene Ursachen haben, die heute nur noch zum Teil nachvollzogen werden können.

Zugangsbuch 1940 Ausschnitt aus dem Zugangsbuch 1940.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

Ich gehe zurzeit nicht davon aus, dass bei diesen Zugängen bewusste Verschleierungen von Raubgut zu finden sind. Wie sich an den Eintragungen zum Beispiel bei den so genannten „Juden-Auktion“ oder auch bei dem Zugang von Bücher der Bremer Volkszeitung zeigt, war seinerzeit kein Unrechtsbewusstsein vorhanden, als das es einer Tarnung dieser Zugänge bedurfte. Dennoch sind Zugänge unbekannter Herkunft grundsätzlich verdächtig und müssen autoptisch überprüft werden.

Verdachtsgruppe: Geschenkzugänge

Ein weiterer Punkt sind natürlich auch die zahlreichen Geschenkzugänge, bei denen die „Schenker“ genannt wurden.

In den Zugangsbüchern sind ca. 340 verschieden Schenker namentlich erwähnt. Ich gehe davon aus, dass der überwiegende Teil dieser Zugänge kein NS-Raubgut sein wird, da die Schenkung von Büchern ein normaler Vorgang ist, der auch vor und nach der Zeit zwischen 1933 und 1945 vorgekommen ist.

Zugangsbuch 1941 Ausschnitt aus dem Zugangsbuch 1941.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

Dennoch kann sich auch hinter solchen Zugängen NS-Raubgut verbergen, wie auf dem folgenden Bild zu sehen ist: das zweite Bild hier zeigt.

Zugangsbuch 1942 Ausschnitt aus dem Zugangsbuch 1942.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

Herr Rötsch war seinerzeit in Bremen Gerichtsvollzieher, der unter anderem auch ein Teil der oben erwähnten „Juden-Auktionen“ als Auktionator durchgeführt hat.

Im Zugangsbuch wurden beide Zugänge als Geschenkzugang eingetragen. Mithilfe von Archivmaterialien sowie der Provenienzrecherche werden wir versuchen zu klären, ob sich in diesem Bereich weiteres verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut befindet.

Verdachtsgruppe: antiquarische Ankäufe

Wie sich anhand der Zugänge der „Juden-Auktionen“ gezeigt hat, sind viele Kulturgüter in der NS-Zeit nach der s.o. Beschlagnahme - oder eher nach dem Raub – quasi ‚verscherbelt‘ worden. Nicht nur die Staatsbibliotheken oder andere öffentliche Einrichtungen nutzten diese günstige Option, sondern auch Antiquariate. So ist es nicht auszuschließen, dass über diesen Weg ebenfalls NS-Raubgut in unseren Bestand gekommen ist.

Ankäufe 1942 Auf dem Ausschnitt aus dem Zugangsbuch 1941 sind verschiedene Ankäufe aus antiquarischen Beständen zu sehen.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

Hier werden alle Zugänge zu prüfen sein. Das Problem bei dieser Recherche ist ähnlich gelagert wie bei der Untersuchung der Sammlung Blome. Durch die verschlungenen Wege des Zuganges können wir nicht anhand des Zugangsbuches belegen, ob es sich um NS-Raubgut handelt. Wir müssen daher alle verdächtigen Bücher im Magazin in Augenschein nehmen und dort nach Provenienzen suchen.18

Anhand der Erfassung der Zugänge lässt sich zurzeit sagen, dass sich ab 1941 ein auffallend starker Anstieg von antiquarischen Zukäufen bemerkbar macht.19 Dies ist natürlich nicht gleichbedeutend mit NS-Raubgut. Es kann zum Beispiel an der Kriegslage liegen, da es auf anderem Wege keine guten Einkaufmöglichkeiten mehr gab. Es ist aber auch der Zeitraum, in dem durch die deutschen Behörden der Verkauf und das Verschenken des Besitzes Verfolgter im vollen Gange war.20

Die autoptische Durchsicht

Die Erfassung der Zugangsbücher ist, wie bereits erwähnt, abgeschlossen. Anhand der Eintragungen konnten wir die Anzahl der verdächtigen Titel bereits eingrenzen. Von den 86.000 Zugängen, die zwischen 1933 und 1948 in unsere Bibliothek gekommen sind, konnten wir in einer ersten Durchsicht ca. 17.000 verdächtige Zugänge herausfiltern.

Magazinbereich Magazinbereich der SuUB Bremen.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

Als nächster Schritt hat nun die autoptische Prüfung der verdächtigen Zugänge begonnen. D.h. alle verdächtigen Bücher werden nach Provenienzhinweisen überprüft und erfasst. Die Überprüfung wird voraussichtlich noch bis zum Sommer 2016 andauern. Jeder Fund wird hierbei mit Foto dokumentiert und für die spätere Arbeit gesichert.

Bultmann Eine der gefundenen Provenienzen während der Überprüfung des Bestandes an der SuUB Bremen. Dieses Buch mit einem Exlibris eines Hermann Bultmann wurde im April 1940 als Geschenk mit unbekannter Herkunft in den Bestand der Bibliothek aufgenommen. Sign. 40.c.0191.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

Zusätzlich werden die Ergebnisse in unserer Zugangsbuch-Liste ergänzt, um sie für die weitere Arbeit zu dokumentieren. Dies wird uns darüber hinaus helfen, eventuelle Zusammenhänge bei den aufgefunden Provenienzen herstellen zu können.

Arbeitsliste Ausschnitt der Arbeitsliste für die Suche nach NS-Raubgut an der SuUB Bremen.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

Zurzeit sind wir mit der Überprüfung des Zugangsbuches 1940 beschäftigt. Wir haben bis jetzt ca. 4000 verdächtige Titel überprüft. In den aufgefundenen Bänden konnten wir bisher ca. 230 verschiedene Provenienzen finden.21

Wonach suchen wir?

Mithilfe von weiteren Archivalien, wie zum Beispiel aus dem Staatsarchiv, können wir die aufgefundenen Provenienzen abgleichen und nach „verdächtigen“ Personen suchen. Speziell suchen wir nach Bremer Bürgern, die verfolgt wurden. Bei den antiquarischen Ankäufen richtet sich die Vermutung zunächst einmal auf den regionalen Bereich, da viele der wichtigen Buchhändler für die damalige Bibliothek der Hansestadt Bremen aus Bremen kommen. Diese könnten zum Beispiel ebenfalls an Raubgut aus den Versteigerungen des Umzugsgutes, oder auf anderen Wegen an NS-Raubgut gelangt sein.

Provenienzrecherche

„Die Provenienzrecherche ist nur zielführend und sinnstiftend, wenn als Ergebnis die Restitution an die rechtmäßigen Eigentümer steht.“ So ähnlich hat es Ruediger Mahlo von der Jewish Claims Conference bei seiner Rede während der 1. Konferenz des DZK im November 2015 ausgedrückt.

Arbeitsliste In den meisten Fällen läuft der Kontakt über E-Mail, da die Erben geraubter Bücher in der Regel im Ausland leben.
(Staats- und Universitätsbibliothek Bremen).

Gerade wenn, wie es in Bibliotheken häufig der Fall ist, es zu einer Überprüfung von tausenden verdächtigen Zugängen kommt, ist es wichtig den Blick für das Einzelne im Auge zu behalten. Jede Rückgabe von geraubten Büchern bedeutet die Rückführung von geraubten Kulturgütern an die rechtmäßigen Eigentümer. Jeder einzelne Fall ist hierbei ein sehr spezieller, der mit der nötigen Sensibilität bearbeitet werden muss, wobei es unerheblich ist, ob es sich dabei um einzelne Bücher oder größere Sammlungen handelt.

Neben der Überprüfung und Dokumentation der Zugänge von 1933 bis 1948 gehört es daher zu den Hauptaufgaben und zum Kern des Projektes eine „gerechte und faire Lösung“ mit den rechtmäßigen Eigentümern der Bücher zu erzielen.22

Die Provenienzrecherche, d.h. die Suche nach den Vorbesitzern läuft bereits in dieser Phase und wird nach dem Abschluss der autoptischen Prüfung noch einmal intensiviert werden. Seit das Projekt im Februar 2015 begonnen hat, haben wir uns bei der Provenienzrecherche auf die gesicherten NS-Raubgut Bestände konzentriert. Hierunter fallen die bereits erwähnten Bücher aus den so genannten „Juden-Auktionen“, sowie die Bücher der Bremer Volkszeitung und die vier unter den „Schenkungen“ des Hauptzollamtes Bremen aus dem Jahr 1940 aufgeführten Bände mit den Provenienzen Heinemann und Katzenstein.

Im Unterschied zu den Recherchen, die bei uns von 1992 bis 2009 liefen, werden wir hier sicherlich auch zahlreiche Provenienzen finden, die vermutlich keinen Raubgutbezug haben.

Vom ersten Fund bis zur Restitution eines Buches können mitunter Jahre vergehen. Das heißt für die Praxis, dass wir bei der Arbeit nicht Schritt für Schritt vorgehen können, sondern bereits parallel zur Überprüfung des Bestandes mit der Provenienzrecherche und gegebenenfalls mit der Suche nach den rechtmäßigen Eigentümern beginnen müssen. Die eigentliche Provenienzrecherche wird daher sicherlich auch den Hauptteil der Arbeit in Anspruch nehmen.

Anmerkungen

  1. Briel, Cornelia: Beschlagnahmt, erpresst, erbeutet: NS-Raubgut, Reichstauschstelle und Preußische Staatsbibliothek zwischen 1933 und 1945, Berlin 2013. 

  2. Siehe u.a.: Kesting, Maria: Geraubte Bücher. NS-Raubgut in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, in: Die Auskunft 28 (2008) Heft 4, S. 333. 

  3. Lost Art Liste der Projekte (Miteingerechnet wurden hier auch zwei Institutsbibliotheken. Die Gesamtzahl ergibt sich aus der Zusammenstellung auf der Homepage des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste. (Stand: 15.3.2016). 

  4. Als Beispiele sind hier zu nennen: Staatsbibliothek zu Berlin, Zentral und Landesbibliothek Berlin, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg und die Universitätsbibliothek Marburg. 

  5. Albrink, Veronika; Babendreier, Jürgen und Reifenberg, Bernd: Leitfaden für die Ermittlung von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut in: Bibliotheken, März 2005, Vorwort. 

  6. siehe u.a.:Babendreier, Jürgen: Geschenkt? Kostenlose Bestandsvermehrung an der Staatsbibliothek Bremen im Dritten Reich, in: Elsmann, Thomas (Hrsg.): Auf den Spuren der Eigentümer. Erwerb und Rückgabe von Büchern jüdischer Eigentümer am Beispiel Bremen, Bremen 2004, S. 35f 

  7. Ebenda, S. 33. 

  8. Staats- und Universitätsbibliothek Bremen. 

  9. In den Beständen der Staatsbibliotheken Hamburg und Bremen finden sich zahlreiche „Geschenk-“ und „Kaufzugänge“, die aus den Versteigerungen des Umzugsgutes emigrierter Bürger stammen. 

  10. Zugangsjournal 1942 der SuUB. SuUB. 

  11. Katalogausschnitt der SuUB zur Raubkunst (Abruf 15.3.2016. SuUB). 

  12. Reuter, Brigitte: Arnold Blome als Kunsthändler und Sammler in Bremen, in: Dorothee Hansen und Brigitte Reuter (Hrsg.): Ein Frage der Herkunft. Drei Bremer Sammler und die Wege ihrer Bilder im Nationalsozialismus, Bremen 2015, S. 16f. und: Drews, Joachim: Verdächtige Erwerbungen. Arnold Blome und die Provenienzforschung an der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, in ebenda, S. 105. 

  13. Nachlass Blome. Kunsthalle Bremen. 

  14. Projektantrag. SuUB. 

  15. Insgesamt sind im Zugangsbuch der SuUB für das Zugangsjahr 1933 140 Geschenkzugänge mit dem Vermerk „Beschlagn. Bremer Volkszeitung“ verzeichnet. 

  16. Signaturen:40.c.3822, 40.c.3835, 40.c.3836. 

  17. In den Zugangsbüchern finden sich verschiedene Einträge. U.a. steht in den Zugangsbüchern als Herkunft: „Alter Bestand“; „N.N.“; „Verschiedene“ und „unbekannte Herkunft“. SuUB. 

  18. Veronika Albrink, Jürgen Babendreier und Bernd Reifenberg: Leitfaden für die Ermittlung von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut in Bibliotheken, März 2005. (Siehe u.a.: Leitfaden Universität Marburg oder Leitfaden Staatsbibliothek Berlin (Stand 15.3.2016). 

  19. Zugangsjournal 1941 der SuUB. SuUB. 

  20. Der Verkauf bzw. Verteilung der in Deutschland zurückgebliebenen Umzugsgüter begann nach Ausbruch des Krieges, Anfang der 1940er Jahre. Auch die Deportation der in Deutschland als Juden Verfolgter und damit einhergehend auch die Verteilung des Eigentums der Verfolgten setzte Anfang 1940 verstärkt ein. 

  21. Stand der Projektarbeiten im März 2016. 

  22. Washingtoner Prinzipien (Stand: 15.3.2016).