Forschungsstrategien für einen heterogenen Objektbestand

Uta Bernsmeier

Focke-Museum - Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte

Die Geschichte des Focke-Museums entspricht der vieler Landesmuseen, was die inhaltliche Ausrichtung betrifft. Typisch für diesen Museumstyp ist ein historisch gewachsener, heterogener Objektbestand.

1923 wurde die im weitesten Sinne kulturgeschichtlich ausgerichtete Sammlung bremischer Altertümer des Museumsgründers Johann Focke mit der Kunstgewerbesammlung des Gewerbemuseums zusammengelegt, die vorwiegend überregional ausgerichtet war. Ernst Grohne, der das Focke Museum von 1924 bis 1952 leitete, verfolgte als Kulturhistoriker mit weit gefächerten Interessen die Sammlungsschwerpunkte beider Vorgängerinstitutionen. Im Falle des Gewerbemuseums bedeutete dies den gezielten Erwerb epochentypischer Einzelstücke der Textilkunst, der Keramik, Glaskunst und des Möbels vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Vor allem diese Objektgruppe haben wir 2008 zunächst in den Focus genommen, als wir die Sammlungsbestände auf die Rechtmäßigkeit ihrer Erwerbung im Sinne des Washingtoner Abkommens zu prüfen begannen. Zwischen 1933 und 1945 sind insgesamt 2806 Objekte ins Haus gelangt, eine überschaubare Anzahl, die sich daraus erklärt, dass mit Kriegsbeginn deutlich weniger Neuzugänge verzeichnet wurden, zumal nach Auslagerung der Objekte aus dem 1942 im Bombenkrieg vollkommen zerstörten Museumsgebäude.

Die Durchsicht der Inventarbücher ergab, dass es sich bei fünf Objekten möglicherweise um kunstgewerbliche Werke handelte, die ihren jüdischen Besitzern im Nationalsozialismus unrechtmäßig entzogen wurden. Sie wurden mit Beschreibung, Angabe der Provenienz und mit Fotos in das „Lost Art Register“ eingestellt.

Beim ersten Objekt handelte es sich um ein 1620 datiertes, besticktes Wappenkissen aus der Sammlung von Henry und Emma Budge. Das jüdische Sammlerehepaar hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Hamburg eine umfangreiche Kunstsammlung aufgebaut. Als Emma Budge 1937 kinderlos verstarb, sollte ihre Hinterlassenschaft, so hatte sie testamentarisch verfügt, an jüdische Organisationen gehen bzw. dem amerikanischen Volk zu Gute kommen. Dieser letzte Wille wurde von den Nationalsozialisten ignoriert; sie ließen die Kunstsammlung im Berliner Auktionshaus Graupe versteigern. Hier erwarb das Focke-Museum die besagte Kissenplatte. Dieser Sachverhalt zeigt ganz deutlich, dass der Umgang der Nationalsozialisten mit der Kunstsammlung Budge einem unrechtmäßigen Entzug entsprechend dem Washingtoner Abkommen gleichkam. Einem Restitutionsbegehren der Erben entsprach das Focke-Museum, bzw. der Senator für Kultur mit umgehender Rückgabe des Objektes.

Der zweite Fall erlaubte keine so schnelle Entscheidungsfindung. 1939 ersteigerte das Focke-Museum im Berliner Auktionshaus Hans Lange vier Objekte aus der ebenso umfangreichen wie qualitätsvollen Kunstgewerbesammlung von Dr. Adolph List, einem Magdeburger Fabrikanten: zwei Siegburger Steinzeugschnellen mit Reliefdarstellungen aus dem 16. Jahrhundert ein Koppchen mit Untertasse aus Böttchersteinzeug ein Teekännchen aus Böttchersteinzeug Die Sammlung List war unter Kennern legendär, ihre Versteigerung in Sammler- und Museumskreisen ein vielbeachtetes Ereignis und wurde mit einer Katalogbearbeitung von Otto von Falke publizistisch hochrangig begleitet. Viele kunstgewerbliche Objekte aus dieser Sammlung haben über die Auktion ihren Weg in öffentlichen Besitz gefunden. Entsprechend wurde auch eine größere Anzahl deutscher Museen von einer Berliner Anwaltskanzlei kontaktiert, welche die Nachkommen des Ehepaares List im Restitutionsbegehren vertrat. Zur Klärung der Ansprüche wurde eine Arbeitsgruppe bei der Berliner Arbeitsstelle für Provenienzforschung eingerichtet, deren Aufgabenbereiche in das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste eingeflossen sind, das Anfang 2015 seine Arbeit aufgenommen hat. Zudem wurde ein Forschungsprojekt zur Quellenrecherche beauftragt. Die Ergebnisse will ich kurz skizzieren: Der 1861 geborene Chemiker und Fabrikant Dr. Adolph List wurde 1937 nach erfolgter Sippenforschung als Volljude gezwungen, aus dem Aufsichtsrat der Fahlberg-List Aktiengesellschaft auszutreten. List starb 1938 in Magdeburg. Seine Witwe und Erbin Clara Helene List galt entsprechend ihrem Abstammungsnachweis als Arierin. In ihrem Auftrag wurde die Kunstsammlung 1939 und 1940 im Auktionshaus Lange versteigert. Für die Bewertung der anstehenden Fragen war entscheidend, ob Helene List dabei unter Zwang gehandelt hatte.

Ich möchte hier nicht den Rechercheverlauf skizzieren, sondern nur die Ergebnisse der Quellenforschung zusammenfassen. Danach deutet nichts darauf hin, dass Helene List nach dem Tod ihres Mannes nicht frei über ihr Erbe verfügen konnte, nichts spricht dafür, dass die bei der Auktion erzielten Hammerpreise von den damals gängigen Kunstmarktpreisen abwichen. Und wichtiger noch: Die zunächst eingestellten Pensionszahlungen der Fahlberg-List AG wurden nach einem Rechtsstreit und nachdem Helene List einen Ariernachweis vorgelegt hatte, wieder aufgenommen. Ein Beleg, dass mit dem Tod ihres jüdischen Ehepartners ihr Verfolgungsschicksal endete; zu Lebzeiten ihres Mannes hatte sie noch zum Personenkreis der Kollektiv-Verfolgten gehört. Unter diesen Prämissen ist die Versteigerung der Sammlung List als ein Rechtsgeschäft gewertet worden, das im Wesentlichen so auch ohne die Herrschaft des Nationalsozialismus hätte stattfinden können.

Vor größere Rätsel stellen uns die nach dem Krieg erworbenen kunsthandwerklichen Arbeiten; wir kennen das Auktionshaus oder den Kunsthändler, bestenfalls den Vorbesitzer. Aber anders als viele Gemälde z.B., die oftmals auf den Rückseiten handschriftliche Bezeichnungen oder Klebeetiketten tragen, geben uns etwa ein barockes Schnittglas oder eine Teedose aus Meißner Porzellan keine unmittelbaren Informationen über ihre Herkunft; solche Objekte tragen keine von Vorbesitzern aufgebrachten Spuren und sind auch weitaus seltener eindeutig identifizierbar in älteren Auktionskatalogen abgebildet.

Im Jahr 1968 konnte für das Focke-Museum eine private, zwischen den 1920er und 1950er Jahren entstandene Gläsersammlung angekauft werden. Die insgesamt 191 Stücke aus dem Vorbesitz des Bremer Arztes Dr. Alexander Lehmann, sie decken alle stilgeschichtlichen Epochen von der Renaissance bis zum Biedermeier ab, verhalfen dem Haus zusammen mit den alten Glasbeständen zu einem überregional relevanten kunsthandwerklichen Sammlungsschwerpunkt. Es ist nicht mehr zu rekonstruieren, wie die Erben damals mit dem schriftlichen Nachlass Alexander Lehmanns verfuhren. Der Sammler soll, so heißt es, intensiven kennerschaftlichen Austausch mit den Kustoden großer Gewerbemuseen gepflegt haben – eine entsprechende Korrespondenz ist freilich nicht überliefert. Einzige Dokumente sind Karteikarten, auf denen die Gläser bezeichnet, datiert, vermessen und mehr oder weniger ausführlich beschrieben sind. Hinweise zur Provenienz gibt es in nur wenigen Fällen. Mit Bleistift finden sich auf nahezu allen Karteikarten eine zwei- bzw. dreistellige Zahl; ich vermute in ihnen das Erwerbungsjahr bzw. den Kaufpreis. Diesen Eintragungen zufolge sind 92 Gläser, also knapp die Hälfte, von Lehmann nach 1933 erworben worden.

Ein weiterer Sammlungsschwerpunkt, der bis in die Gegenwart durch Neuerwerbungen erweitert wird, ist Fürstenberger Porzellan. Es gehörte traditionell auch zum Inventar wohlbestallter Bremer Bürgerhäuser. Insgesamt 32 figürliche Porzellane und Geschirrteile sind seit 1933 aus dem Kunsthandel oder auf Auktionen erworben worden und haben somit eine ungewisse Provenienz, ebenso wie die in den letzten zwanzig Jahren aus dem Kunsthandel erworbenen Jugendstilgläser. Es handelt sich insgesamt um eine kulturhistorisch, aber auch materiell relevante größere Anzahl von Objekten, zu deren Geschichte wir uns verhalten müssen.

Fragen stellen uns auch die als Zeitdokumente gesammelten alltagskulturellen Gegenstände; sie sind schon immer als Geschenke aus der Bremer Bevölkerung ins Museum gekommen und stellten auch immer das Gros der Neuzugänge dar. Das Wissen über diese Objekte lässt sich nicht mehr ergänzen. Wie aber soll man sich aktuell bei Übergaben etwa von Haushaltsgeräten aus den 1930er oder 1940er Jahren verhalten, die uns die Enkel der ehemaligen Besitzer überbringen. Möglicherweise kennen sie die wirkliche Geschichte der Dinge gar nicht, weil die überlieferten Erzählungen bruchstückhaft sind und wir evozieren mit unseren als investigativ empfundenen Fragen nichts anderes als Irritationen.

Es mag wohl Museen geben, die grundsätzlich keine Objekte mehr annehmen oder erwerben, deren Herkunft nicht lückenlos nachgewiesen ist. Diese Haltung mag konsequent sein. Auf den Kunsthandel, für den Diskretion eine wichtige Geschäftsgrundlage ist, wird man allerdings so kaum Druck ausüben können, die Provenienz der Stücke offenzulegen.

Der Titel des Kurzvortrages „Sammlungsstrategien für einen heterogenen Objektbestand“ ist irreführend, denn er stellt keine Strategien vor, sondern will die Notwendigkeit zu ihrer Entwicklung vor Augen führen. Es wird ein Prozess sein, der sein Fundament im kollegialen Austausch von Provenienzforschern und Sammlungsleitern hat, der Bündelung ihrer Erfahrungen und Vermittlung ihrer Ergebnisse. Für dieses Anliegen sind der Tagung richtungsweisende Impulse zu danken.