Schilderungen von Transporten und Verkäufen geraubter Objekte finden sich sehr selten und in der Regel in sehr abgelegenen Quellen, die von ganz anderen Dingen handeln. Häufig sind es lokale autobiographische Quellen oder Ortsgeschichten, in denen beiläufig auch das Thema Raub oder “Hollandmöbel” einmal zur Sprache kommt.

 

Heimatverein Badbergen e.V.; Herbert Schuckmann (Bearbeitung): Badbergen 1945

„Unser Vater fuhr nach Osnabrück zum Arzt, sein Kopf tat ihm so weh, hier konnte man ihn nicht durchleuchten. Da stellte man fest – ein Stein war ihm auf den Kopf gefallen – er hatte einen Schädelriss. Es wurde immer schlimmer. Da brachte man ihn im Rote-Kreuz-Wagen ins Marienhospital nach Osnabrück. Abends gaben sie mir in Osnabrück Nachricht, dass es sehr schlimm stände. Ich habe auf den Knien zum Herrgott gefleht, mir meinen Mann zu lassen, da ich doch schon alles andere verloren. – Aber am anderen Tag holte man mich nach Osnabrück zu ihm ins Krankenhaus. Da habe ich Monate erlebt, ich kann es nicht beschreiben. – Der Mann todkrank. Die Kinder schutzlos, wohnten nun in der Schule, die man als Wohnung notdürftig eingerichtet hatte. Theo und mein Bruder Hermann waren längst zu ihren Einheiten zurück. Vorher hatte man noch Nachricht, wir könnten Möbel bekommen in Ankum oder auf dem Schützenhof [Fußnote Nr. 24]. Ich sagte ihnen: „Wenn es aber Judenmöbel sind, die will ich nicht haben, lieber eine Margarinenkiste als Polstermöbel, woran Blut und Tränen kleben‘, – und wir bekamen nichts! Nur das, was wir so von Bekannten bekamen.“

 

Josef Möller „Jugend im 3. Reich“ in: Bürger- und Heimatverein Barßel (Hg.) Das Alt Kirchspiel Barssel. Von Roggenberg bis Harkebrügge“. 1994, S. 434

„In fast jeder Woche sahen wir auf dem Bahnhof in 0 die Züge mit den holländischen Juden”, sagt ein Barßeler, der als Schüler nach Oldenburg fuhr. „Man sagte uns, sie kämen bis zum Kriegsende in Internierungslager, damit sie nicht dem deutschen Volk schaden könnten.” So begründete man auch das Vorhandensein und den Verkauf der „Judenmöbel”. Leute, deren Wohnungen durch Bombenangriffe beschädigt oder zerstört worden waren, konnten Tische, Schränke und Stühle bekommen. Aber auch andere Personen, die gute Beziehungen zur Partei hatten, erwarben Möbelstücke oder Rundfunkempfänger aus diesen Aktionen.“

 

Landkreis Wesermarsch – Frauenbüro. Ursula Berhold/Almut Setje-Eilers: „Ist denn da was gewesen?“: Frauen in der Wesermarsch im Nationalsozialismus. Oldenburg 1996, S. 210

„‘Da haben die hier auch überall in der Gegend Möbel von holländischen Juden verkauft.‘ […] Anna Bruns über den Verkauf von Möbeln aus jüdischem Besitz: ‚Da haben die hier auch überall in der Gegend Möbel von holländischen Juden verkauft. Auch in Elsfleth. In der Endphase des Krieges, ab August 1944, als die Schulen geschlossen waren, war ich von der Stadtverwaltung für die Versorgung der Ausgebombten aus Köln und für die Flüchtlinge aus dem deutschen Osten eingesetzt. Wir hatten für die Flüchtlingsküche auf dem Bahnhofsgelände eine Güterschuppen für die Lagerung von Rüben, Kartoffeln, Rüböl und Zuckerschnitzel zur Verfügung. In einem der Güterschuppen habe ich Möbel gesehen. Man sprach von ‚Beuteware‘, die auf Binnenschiffen von Holland gekommen sei. Ich weiß, daß ausgebombte Elsflether Bürger (Seemannsfamilien aus Hamburg und Bremen) davon bekommen haben. Ich habe auch gesehen, daß auf dem Flur zur Stadtkasse, linker Eingang, kurzfristig Möbel gestanden haben, keine schweren Möbelstücke, eher Büromöbel. Wer die Verwaltung bzw. Verteilung und Verkauf der Möbel unter sich hatte, kann ich nicht sagen. Ich weiß aber von meiner Freundin, die in der Stadtkasse angestellt war, daß es über die Stadtkasse verrechnet wurde. Aber auch sonst wurden hier im Umkreis von Elsfleth Möbel aus Holland verkauft.‘ Günther Bühring: ‘Einige Leute im Dorf holten sich die Judenmöbel. Ich weiß, daß sich verschiedene Leute ganz und gar mit Judenmöbel eingedeckt haben, auch in Neuenfelde. Bei einem Bauern in Deichstücken war die ganze Scheune mit Judenmöbel voll.‘“

 

Klaus Dede (Hg.): Helene Brauer-Dede: Frau Pastor. Oldenburg 1986, S. 199

„Wie aber, so fragten wir uns, sollten Juden dort, wo weit und breit niemand war, der sich mit ihnen solidarisieren konnte, eine Chance haben, der Vernichtung zu entgehen? Nein, es konnte gar keine Zweifel obwalten: Die Juden, die abtransportiert wurden, gingen dem sicheren Tod entgegen. Und die Nazis bestätigten dies mitten im Kriege auf ihre Weise. Plötzlich hieß es, man könne in Oldenburg Möbel kaufen. Es handelte sich, wie jeder wußte, um Haushaltsgegenstände aus aufgelösten jüdischen Wohnungen in den Niederlanden. Die Menschen waren in den Osten gebracht worden, und alle waren sich sicher, daß sie nicht zurückkehren würden. Ich möchte nicht wissen, in wie vielen Haushalten in Oldenburg sich noch heute Möbeln aus ehedem jüdischem Besitz befinden.“

 

Heinz Boberach (Hrsg): Meldungen aus dem Reich 1938-1945. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS 1938-1945. Herrsching 1984. Band 15: SD-Berichte zu Inlandsfragen vom 27. September 1943 (Weiße Serie), S. 5821

„Wie in diesem Zusammenhang weiterhin aus Münster und Frankfurt/Oder gemeldet wird, sei die Bevölkerung über die aus den besetzten Gebieten eingeführten alten Möbel, insbesondere die Judenmöbel, sehr enttäuscht. In der Meldung aus Münster heißt es hierzu, daß die erste Sendung derartiger Möbel zwar in einem einigermaßen annehmbaren Zustand angekommen sei, von der Bevölkerung aber deshalb nur schwer hätte verwendet werden können, weil diese aus größeren Villen stammten und sich deshalb zur Einrichtung kleinerer Wohnungen nicht eigneten. Eine weitere Sendung sei jedoch derart schlecht und voller Ungeziefer gewesen, daß das Mobiliar keinem Menschen hätte angeboten werden können. Eine dritte per Schiff erfolgte Lieferung sei schließlich nach wochenlangem Liegen wieder zurückgesandt worden, weil die Ladung an Möbeln, Lampen und alten Lumpen nicht wert gewesen sei, ausgeladen zu werden. Nach Angaben von Fachleuten sei dabei vielfach festzustellen gewesen, daß die Möbel bei der Verladung mutwillig zerstört worden wären. Ebenso berichtet Frankfurt/Oder, daß die aus den französischen Judenwohnungen eingeführten Möbel, Ofen und Herde zum größten Teil unbrauchbar gewesen seien. In dem Aktenvermerk einer Dienststelle heißt es hierzu wörtlich: ‚Ich schätze, daß etwa 50% dieser Möbel unbrauchbar sind, weil sie zum ältesten und wertlosesten Inventar gehören, was man sich überhaupt vorstellen kann, und weil sie durch offensichtlich unsachgemäße Verladung bereits so stark zertrümmert hier angekommen sind, daß eine Aufarbeitung nur mit allergrößten Schwierigkeiten möglich wäre. Von den restlichen 50% ist ein ganz kleiner Bruchteil alte deutsche Ware, die anscheinend als Reparationsleistung oder infolge des Auszuges der Juden aus Deutschland nach Frankreich gekommen ist. Ein erheblicher Teil der Ware besteht aus alten Möbeln. Nicht in den Kreis der Betrachtung gezogen sind die gleichzeitig mit dieser Sendung eingetroffenen Öfen und Herde. Zu diesen ist folgendes zu sagen: Zwei große Wagen voll Öfen und Herde bestanden zum großen Teil aus Schrott. Es fehlten von Gaskochern die Brenner, andere Gasöfen waren teilweise zerstört.‘ Aus Fachkreisen wird hierzu vorgeschlagen, daß es als weit zweckmäßiger und erfolgversprechender angesehen würde, wenn die Möbel- und Hausratindustrie der besetzten Gebiete zumindest für eine bestimmte Zeit voll für den deutschen Bedarf eingesetzt würde. Auch sei es sicherlich möglich, noch vorhandene Lagerbestände für den dringlichsten Bedarf der bombengeschädigten deutschen Bevölkerung zur Verfügung zu stellen.“

 

Unsere Heimat im Zweiten Weltkrieg. Aus der Bether Dorfchronik von Aloys Niemeyer. Cloppenburg 1985, Eintrag vom 29. Juli 1945, S. 104f.

„Judenmöbel bringen ihren Besitzern Ungelegenheiten“. In der Nazizeit waren viele Juden vertrieben oder gar getötet worden, nicht nur bei uns, sondern auch in den Nachbarländern. Das dann in den Judenhäusern herrenlos stehengebliebene Inventar wurde später gesammelt und auf großen Auktionen verkauft. Auch in Cloppenburg wurden solche Auktionen veranstaltet. Mancher hat ohne Bedenken gekauft. Jetzt heißt es, daß hier und da Nachprüfungen stattfinden. Dasselbe gilt für gekaufte Judenhäuser und -grundstücke.”

 

Wilhelmine Siefkes: Erinnerungen. 2. Aufl. Leer 1997, S. 147f.

„Es war uns allen bewußt, daß der Aufenthalt bei unserer Gastgeberin nur vorübergehnd sein konnte, und wir bemühten uns, wieder ein Obdach zu finden. Doch wo gab es leere Wohnungen? Nach einigen Wochen hatten wir Glück: das Wohnungsamt beschlagnahmte mehrere Räume in zwei nebeneinander liegenden Häusern in der Fabriciusstraße. Zufällig wohnte in jedem Haus nur eine alleinstehende Frau, und so wurden Loquards bei der Witwe H. eingewiesen und Thelemann und ich nebenan bei einer alten Frau, die, wie man uns sagte, ein wenig wunderlich sei. Natürlich waren die Eigentümerinnen alles andere als entzückt über diese Einquartierung. Wir waren jedoch froh, soviel Raum zugewiesen zu bekommen. Unten hatten wir ein gemeinsames Wohnzimmer mit kleiner Küche daneben, und oben war außer einem kleinen Schlafraum für mich noch nach hinten heraus ein geräumiger Boden, auf dem Thelemann sich eine Schlafstätte zurechtzimmerte. So konnten wir Ende April einziehen – wenn wir nur die nötigen Möbel gehabt hätten. Das machte sich die Behörde jedoch leicht. Wir erhielten ein Schreiben und wurden aufgefordert, in der Viehhalle aus dem dortigen Möbellager das Notwendige kostenlos auszusuchen. Ein Möbellager in der Viehhalle? Bald wurden wir aufgeklärt. Dorthin hatte man das Eigentum von aus Holland verschleppten Juden gebracht, ganze Wohnungseinrichtungen, prachtvolle Möbel aus reichen Häusern, Teppiche, Gardinen – wir schauderten als wir das hörten! Das konnte man uns anbieten?!”

 

Kriegstagebuch: „Dienstag, den 23. Nov.

Vorm. 8 Uhr fahre ich mit einem Beamten vom Wirtschaftsamt nach Reckemeyer, um als Beauftragter unserer Schule ein Klavier auszusuchen von denen , die aus Holland hierhergekommen sind. Wem mag es früher gehört haben? wahrscheinlich einem Juden in Holland. Wo mag der jetzt sein? Für mich persönlich würde ich so ein Stück niemals annehmen.“
(Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Oldenburg Best. 297 E Nr. 58 Kriegstagebucheintragung v. 23. Nov. 1943)

 

In den 80er Jahren berichtete ein ehemaliger Anwohner des Rennplatzes über den Verkauf von jüdischem Eigentum in Oldenburg: „Nach Fertigstellung des umfangreichen Barackenlagers auf der einen Rennplatz-Hälfte wurden dort zunächst nur wenige Russen (meist Ukrainer) untergebracht. Die bis dahin noch leerstehenden Baracken wurden dann angefüllt mit einer Fülle von aus Holland (speziell Amsterdam) herangeschafften sogen. ‘Judenmöbeln’, deren Besitzer offenbar inzwischen in KZ-Lager abtransportiert worden waren. U.a. befand sich auch in der Turnhalle am Haarenufer (Schule) ein solches Möbellager. Ein Beamter der Stadtverwaltung […] war beauftragt, diese Juden-Möbel zu verkaufen. Sie fanden reißenden Absatz zu Spottpreisen.“
(Niederschrift über die nichtöffentlichen Beratungen mit den Gemeinderäten. StAO, Best. 262-1 Ab Nr. 51. IN: Katharina Hoffmann: ausländische ZwangsarbeiterInnen in Oldenburg des 2. Weltkrieges, Oldenburg 1999, S. 122f.)

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